Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 8 (1870)
- Issue
- 4 (1870)
- Date
- 1870-01-01
- Page
- Seite 242 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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242 l. Aenchlin und das IudenthuM. Mit dem Ausgange des zwölften Jahrhunderts hatte das Mittelalter in seiner Vermählung mit dem Christenthum den Höhe- Punkt erreicht, der überhaupt auf diesem Wege im geistigen Leben zu erklimmen war, und es gelangte zu ihm nur durch die wirksame Unterstützung der arabischen Wissenschaft, die ihm durch die Juden vermittelt wurde. Diese Höhe erreichte, insofern sie klar erschaubar war, nur eine mäßige Erhebung, und war, insoweit sie kühner emporragte, von den dichtesten Nebeln bedeckt. Ein solcher Abschluß einer höchst unvollkommenen Entwickelung führte nur zur härtesten Erstarrung wie auch zur Fäulniß und zur Zersetzung. Die erweckten selbstständigen nationalen Kräfte versuchten das allgemeine Leichentuch, das sie gleichmäßig deckte, aufzuheben, jede nach ihrer Eigenthümlichkeit sich zu frischem Leben neu zu gestalten, und dennoch brachten sie es nur dahin, daß ihre gesunden Säfte den Zersetzungsproceß der veralteten geistigen Gebilde beschleunigten, ohne jedoch volle Neubildungen in's Leben rufen zu können, und die konservativen Mächte der herrschenden Scholastik, der festgewordenen Ueberlieferungen umschnürten ihrerseits die Geister mit noch engeren Banden. Selbst die romanischen Völker, deren Sprache und Anschauung mit den bisherigen Geistesmächten näher verwandt war und denen daher die Erweckung einer nationalen Literatur weit leichter und früher gelang, konnten nicht aus sich heraus zu einer unabhängigen Selbstständigkeit Vordringen. Zur geistigen Befreiung der Völker war es nothwendig, daß diese wiederum die zwei Mächte neu für sich gewannen, welche schon einmal ihre weltgeschichtliche Aufgabe vollzogen hatten und nun die Befreiung und Verjüngung der Menschheit unter ganz andern Verhältnissen wieder aufnehmen mußten. Diese beiden Mächte voll des unversiegbaren geistigen Lebensgehaktes sind: das klassische Alterthum, namentlich der Hellenismus, und das Judenthum, die hebräische Literatur. Dem Mittelalter war die Kenntniß der griechischen Sprache ganz abhanden gekommen, die in derselben niedergelegten schöpferischen, bahnbrechenden, allezeit anregende und verjüngende Kraft in sich bewahrenden Werke blieben ihm entweder ganz unbekannt oder sie waren ihm in ungenießbaren Uebersetzungen von abschreckender Form und mit Entstellung des Sinnes zugänglich, so daß ihnen alle Frische vertrocknet war. War ihm ja selbst das Lateinische ganz verkümmert, und die Aussicht, die Empfänglichkeit für die Werke und den Geist