Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 7 (1869)
- Issue
- 4 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 270 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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270 I. Plan zu einem neuen Gebetbuche. Die Rückkehr zum älteren palästinischen Brauche hätte, nach rabbinisch-thalmudischem Standpunkte, auf dem man sich befand, einen Sinn gehabt, selbst wenn man damit dem Bedürfnisse des eignen Landes nicht entsprach. Waren ja die Blicke immer nach Palästina gerichtet, die Hoffnung jeden Tag wach, dorthin urplötzlich zurückzukehren; für das Gedeihen Palästina's und seines Bodens konnte man beten, unbekümmert darum, ob Dies auch in Uebereinstimmung stehe mit den Anforderungen des Landes, in dem man sich zeitweilig befand. Aber um das Gedeihen Babyloniens zn bitten, dazu hatte man nicht die geringste Veranlassung, und nur die gedankenlose Gewohnheit, das dumpfe Haften am Ueberlieferten vermochte eine solche sinnlose Einrichtung zu erhalten, gerade wie man auch nach wie vor im Jekum Purkan für das Wohl der längst dahingeschwundenen babylonischen Exilfürsten und Geonim milderen politischem und gelehrtem Hofstaate betete und — an so vielen Orten noch betet. So blieb man denn bei dem alles Haltes entbehrenden baby- Ionischen Brauche, die Stimme Ascher's verhallte, man beschränkte selbst die Privatbitte im 15. (16.) Spruche, man warnte mit abergläubischer Angst vor einer jeden Abweichung von der babylonischen Sitte (Tur u. Schulchan aruch a. a. O.). Nachdem wir nun den Entwicklungsgang dieser Anordnung durchwandert, so dringt die Frage ernst an uns heran: sollen wir, die wir das ganze Jahr hindurch des gedeihlichen Regens bedürfen, es bei der üblichen ״Lüge und Thorheit" bewenden lassen oder nicht vielmehr, der Anforderung unserer Gegend entsprechend, die Bitte das ganze Jahr hindurch beibeyalten? Der Inhalt des Gebetes gehört ja überhaupt nicht dem Tage an, sondern dem ganzen Jahre mit seinen verschiedenen Zeiten, indem die Formel lautet: Gieb Th au und Regen zum Segen; ״zum Segen" heißt eben zur rechten Zeit, und für den Regen im Sommer zu bitten, selbst wenn er in demselben schädlich sein sollte — was natürlich in unserer Gegend nicht gilt —, weil er in der Winterzeit nöthig ist, hat doch ebensowenig Bedenken wie im Winter für den Thau zu bitten, obgleich derselbe um diese Zeit ganz undenkbar ist, und nur für den Sommer erfleht werden kann.*) *) Auf die Differenz im spanischen Ritus einzugehn, welcher im Somwer für Lob und Bitte den Thau hervorhebt, ist für unfern Zweck gleichgültig.