Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1869-01-01 · 3 (1869) · p. Seite 217

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
7 (1869)
Issue
3 (1869)
Date
1869-01-01
Page
Seite 217 (sequence 57)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2420973-2421005-2421008--2159-2423496
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Schulfrage in Preußen. 217 dennoch nicht im Gänzen. Denn alle Vorsicht wegwerfend, behaupte ich ohne Scheu, daß ein Rest von Gebundenheit auch in diesem Käm- Pen des Fortschritts nicht getilgt ist. daß auch er über das Christenthum sich nicht von Vorurtheilen lossagen kann, sein unverzagter Wahrheitsdrang hier erlahmt. In derselben Rede, die mir entgegengehalten wird, lautet eine Stelle, von der ich freilich kaum glaube, daß sie in vollem Einklänge mit den übrigen Ausführungen steht, wörtlich so: ״Unsere ganze moderne Bildung, wie sie da ist, ruht meiner Meinung nach auf einem christlichen Grund, nicht auf dem dogmatischen, aber auf dem entschieden christlich sittlichen Grunde. Ich habe niemals Bedenken getragen anzuerkennen, daß das Christenthum in der Entwickelung der neuen Zeit eine so entscheidende, so bestimmende, so sehr bis in das Tiefe des Volkslebens hineingreifende Wirkung ausgeübt hat, daß gegenwärtig keine Institution, keine Gestaltung, ja ich möchte fast sagen, kein Volk mehr diesen Einwirkungen sich entziehen kann. Auch die moderne Gestaltung des Judenthums ist beeinflußt worden von diesem Geist .... Und was ist denn dieser Geist? Er beruht in erster Linie auf dem Satze: liebet euch untereinander. Von diesem Standpunkte aus hat sich das Prineip der Rechtsgleichheit gestaltet, ... ist die Sclaverei . . ., die Leibeigenschaft gefallen." So wird von V. das alte Mährchen wiederholt, das wir schon so oft gehört haben und das doch endlich verklingen dürfte, dem artige Kinder gläubig lauschen, dem jedoch Männer endlich entwachsen sein sollten. Ja, das Christenthum hat eine tiefeingreifende Wirkung ausgeübt, aber nicht zur fortschreitenden Entwickelung der Menschheit, sondern zur Erstarrung, nicht indem es das Menschliche zur Anerkennung gebracht, sondern dessen Verkümmerung bereitet, nicht zur Freiheit, sondern zur Unterdrückung alles dessen, was nicht in seine enge Begriffssphäre sich zwängen lassen wollte. Das Christenthum ist der verunglückte Versuch, die beiden großen geistigen Weltmächte, Judenthum und Griechenthum, in einander zu verschmelzen; aber der Versuch war durchaus verfehlt, das Christenthum hat diese beiden lebendigen, lebenspendenden Mächte verdrängt und eine Zerrbild-Mischung aus denselben auf den Thron gehoben. Unter dieser Einwirkung erstarrte das Geistesleben mehr und mehr, bis die beiden Quellen selbst wieder eröffnet wurden und die versandeten Fluren tränkten, bis die hebräische Bibel wieder wie neu entdeckt und die griechischen Geistesschätze aufgegraben und in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.