Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 7 (1869)
- Issue
- 3 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 213 (sequence 53)
- Language
- German
- Belongs to
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Schleiermacher. 213 der Naturgesetze zu entkleiden, man erbaut sich mit ihm an den süßlich-mystischen alexandrinischen Phrasen des Johannes-Evangeliums, ohne die kritische Schärfe gegen die Synoptiker zu kehren, kurz die Zeit ist herangekommen, in der seine prophetische Ahnung sich erfüllen will: ״das Christenthum mit der Barbarei und die Wissenschaft mit dem Unglauben." Weil es dahingekommen, sehnen sich die freisinnigeren theologischen Kreise, sehnen sich die unter dem Drucke solchen Bannes seufzenden Gemeinden nach dem ganzen Schleiermacher; sie wollen sich seine Schwächen gefallen lassen, wenn nur auch seine gewaltige Geisteskraft, seine sittliche Gemüthstiefe anerkannt und gepflegt wird; sein Name ist nicht als der eines Schöpfers der Neuzeit, sondern als Protest gegen die Verkümmerung zur Fahne geworden, seine Feier ist eine künstlich genährte Kampfesglrüh, keine beseligende Wärme, seine Neubelebung ist ein Krankheitssymptom der Zeit, keine Kraftäußerung und -er- Weckung. — Wenn Dies innerhalb des Christenthums der Fall ist, so kann die Feier auf die Zeit im Ganzen von keiner Einwirkung sein, am Wenigsten ein treibendes Moment für die Juden werden. Schleiermacher war, insofern er gläubig war, spezifisch christlich. Wenn auch ausgehend von Spinoza, hat er doch mit Jacobi den gefährlichen Sprung in den Glauben, und zwar in den ganz unvermittelten, hineingemacht, und so ist ihm mit Jesus eine neue Menschheit erstanden, das alte Band zwischen der hebräischen Bibel und dem sogenannten Neuen Testament war für ihn völlig zerrissen*). Von ihm her datirt sich die Vernachlässigung jener unter den Christen, indem sie nur der starren Orthodoxie, die sie noch verehrte, überlassen blieb, während die Neugläubigen unbekümmert an ihr vorübergingen; Wohl konnten sie nun zwar unbefangener an sie Herangehen, als an blos alte geschichtliche und literarische Werke, allein die Glaubensseligkeit, in der sie schwelgten, erfüllte sie so ganz, daß ihr enger *) Daß die christliche Theologie Dies erkennt, beweist unter Anderem eine These, welche der Generalsusterintendent Stöber zu Gandersheim (Braunschweig) zur Beantwortung und Discussion aufgestellt, und welche lautet: ,,Ist Schl., indem derselbe in den Aeußerungen des edleren Heidenthums eben so nahe Anklänge an das Christenthum als in dem Judenthum findet, und den Urkunden des letzteren keine coordinirte Stellung zum N. T. zugesteht, einer Mißachtung der A. T.lichen Offenbarung zu beschuldigen?" Vgl. Prot. K. Z. vom 14. Nov. S. 10V8 s).