Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 7 (1869)
- Issue
- 3 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 212 (sequence 52)
- Language
- German
- Belongs to
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212 Umschau. Tage zu begehen. Was mit ihnen in's Leben getreten, hat sich nicht erschöpft und zeugt lebenskräftig weiter. Nicht leicht wird es andern Männern, wenn sie auch Größen ihrer Zeit gewesen, sich so Lief in die Entwickelung der Zeit einzugraben, daß sie ununterbrochen in ihr fortleben und nicht vielmehr in den Schrein der Geschichte ehrenvoll eingesargt werden; sie gelten, werden geehrt als ein einflußreiches Moment, das jedoch gerade indem es vorangetrieben, die Menschheit über sich hinausgehoben hat, als Fruchtkeim und Blüthen, die jedoch dem immer in neuer Gestalt auftretenden Menschheitsfrühlinge mit seinen neuen Blüthen Weichen müssen. Fast ist es ein trauriges Armuths-Zeugniß, das die Zeit sich selbst über ihren Stillstand oder gar ihre rückläufige Bewegung ausstellt, wenn sie nach einem Jahrhundert nochmals an die Wiege eines damals geborenen Heroen hintritt, um als altersschwacher Greis an seiner jugendlichen Kraft sich zu ermannen. Im Grunde bietet uns die Schleiermacher-Feier die, bevor sie eingetreten, viel von sich reden machte und dann künstlich vieler Orten am 21. d. begangen wurde, ein solches Bild unserer Zeit, wenigstens des religiösen Lebens und noch richtiger der theologischen Wissenschaft und Praxis in ihr. Von den beiden Richtungen, welche Schleiermacher im Leben vertrat und sie zu versöhnen bemüht war: die Erweckung eines neuen eigentümlichen Glaubens, vorzugsweise eines christlichen, zugleich aber die Versenkung in die tiefen Gründe der Wissenschaft, die Beseitigung alles unbegründet Angenommenen, — von diesen beiden Richtungen hat sich schon in der letzten Zeit seiner Wirksamkeit, zumal nach seinem Ableben die erstere, und noch dazu in geistloser Weise, die Herrschaft errungen, und wie Dies nicht ohne seine Schuld war, so hat man es auch nicht gescheut, seinen Namen dafür gleichfalls zum Aushängeschilde zu machen. Der Rationalismus ist erlahmt, und zwar mit Schleiermacher's Hülfe, die kritische Schule wenig erstarkt, und so hat man die positiven Brocken von Schl.'s Tische ausgelesen und sie als fade Speise aufgetragen. Man fühlt sich mit ihm ״abhängig", ohne jedoch die selbstständige geistige und sittliche Kraft zu Pflegen, man construirt sich mit ihm ״den sündlosen Erlöser," ohne jedoch dem Gemeindebewußtsein den schöpferischen Trieb und dessen Berechtigung zuzuerkennen, man verehrt mit ihm den ״über alle irdische Schwäche emporgehobenen göttlichen Menschen, oder — Gottmensch", ohne ihn jedoch des kindisch wunderbaren Zerstörens