Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 8 (1870)
- Issue
- 2-3 (1870)
- Date
- 1870-01-01
- Page
- Seite 219 (sequence 139)
- Language
- German
- Belongs to
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Diestel: Bibel-Exegese. 219 Rechenschaft schuldig, — ich meine den unverhältnißmäßig geringen Umfang, in dem ich die jüdische Exegese behandelt habe, zumal manche werthe Freunde, deren Urtheil ich sehr hochschätze, darin auf den ersten Blick einen wesentlichen Mangel erkennen wollten. Man erinnerte daran, daß die jüdische Auslegung an vielen Orten in die christliche Exegese tief eingegriffen habe, daß demnach die Entwickelung der letzteren ohne Kenntniß der ersteren dunkel und lückenhaft bleiben müsse. — Selbstverständlich kann Niemand leb- Hafter wünschen, daß unsere Literatur mit einer umfassenden Geschichte dieses Gegenstandes bereichert würde. Eine solche jedoch von diesem Werke auszuschließen, gebietet selbst der angegebene Grund. Jeder Kundige weiß, daß die jüdische Exegese ein ganz eigenartiges Leben zeigt, daß sie in hervorragendem Maaße neben der Rücksicht auf Sprach- und Sinnerklärung, gerade als Auslegung, durch die talmudistischen einerseits, durch die philosophischen Studien andererseits bestimmt und geleitet worden ist. Sie in ein Werk wie das unsrige nur corollarisch einzuschalten, verbot von vorn herein der Zweck desselben. Und ein ebenso starkes Hinderniß bildete einfach der außerordentliche Umfang sowie die besondre Art der Vorstudien, welche zur Lösung jener Aufgabe nothwendig ge- Wesen wären. Wenn irgendwo, so hat hier die Arbeitstheilung ihr durch die Sache selbst gewiesenes gutes Recht." Man sieht Wohl, die Erklärung kommt eigentlich auf den Satz hinaus: ich konnte es nicht leisten. Das bessert jedoch Nichts an der Sache selbst; der Mangel bleibt und macht sich überall bemerklich. Das Buch entbehrt sogleich der ersten Grundlage, indem nicht vorgeführt wird, nach welcher Auffassung die Bibel in das Christenthum eingegangen ist zur Zeit seiner Gründung. Dazu bedurfte es ebensowohl einer Charakteristik der vorchristlichen griechischen Uebersetzung der 70, wie der der späteren griechischen Uebersetzer Aquila, Shmmachus und Theodotion, der chaldäischen Thargumim und der Schriftdeutung in Thalmud und Midraschim; denn wenn auch letztere sämmtlich erst in der nachchristlichen Zeit abgeschlossen und durch die Schrift verbreitet wurden, in dieser Gestalt wenig in die christliche Kirche eindrangen, so wurzeln sie doch alle in einer bereits ältern jüdischen Anschauung, die auch zur Zeit der Entstehung des Christenthums herrschend war. Die Kirche verlor bald die Kenntniß der Ursprache, ist nun gänzlich von der Siebziger-Uebersetzung, also einer jüdischen Erklärung, abhängig, wird