Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 8 (1870)
- Issue
- 2-3 (1870)
- Date
- 1870-01-01
- Page
- Seite 193 (sequence 113)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Geiger: hebr. Sprache. 193 ger ausging? ״Die Juden, die einzigen Lehrmeister der Sprache," erklärte Reuchlin, ״seien bald ganz aus Deutschland verbannt, man müsse fürchten, daß mit ihnen die Kenntniß der hebräischen Sprache verschwinde und jede Gelegenheit aufhöre, sich dieselbe zu Verschaffen." (S. 39.) Von dem Zusammentreffen Reuchlin's mit dem jüdischen Arzte Jakob Jehiel Loans (1492), der sein Lehrer im Hebräischen wurde, sagt der Vers. (S. 26) mit Recht: ״Es läßt sich nicht leugnen: dieses ... Begegniß ... ist ein welthistorischer Moment". Wenn es sich dann andrerseits in dem Reuchlin- Psefferkorn'schen Streite um die Aechtung des jüdischen Schriftthums handelte, so war dies ein — wenn auch nicht klar bewußter — Kampf gegen eine der Lebensmächte des Humanismus und der aus ihm sich entwickelnden Reformation. Indessen konnte die christliche Theologie ihren liefen Zusammenhang mit der Wissenschaft des Judenthums nie ganz vergessen oder verleugnen; auch die Gegner der Reformation stützten sich theilweise auf die Kenntniß des Hebräischen, wie denn selbst Johann Eck sich fleißig mit demselben beschäftigte und darin eine bedeutende Fertigkeit erlangte. (S. 8. 30. 104. 133. Vgl. auch S. 3 flgd. über Georg Wicel.) Bedenkt man nun noch, welchen Einfluß das neu erwachte Studium der hebräischen Sprache auf Melanchthon und selbst auf Luther und dessen Bibelübersetzung übte, so darf man Wohl sagen, daß ohne daffelbe die Reformation mit ihren großen weltgeschichtlichen Folgen kaum denkbar wäre. So wunderbar verschlingen sich die Wege der Geschichte, und so erstaunlich tief ist die Vernunft, die sich überall offenbart, wo man ihnen aufmerksam nachgeht! Merkwürdig ist dabei, daß die Feindschaft gegen die neue Richtung sich nach dieser Seite hin gewissermaßen in dem gewohnten Judenhaß verkörperte und in ihm seinen stärksten Ausdruck fand. Wer sich mit dem Studium der hebräischen Sprache beschäftigte, war der gegen die Juden herrschenden Gehässigkeit ausgesetzt. ״Es war nichts Seltenes, daß den Vertretern des Studiums der Vor- Wurf entgegengeworfen wurde, sie seien Juden der Gesinnung nach; ja man verflieg sich bei Vielen, die ihre christliche Abstammung gut beweisen mochten, so weit, sie getaufte Juden zu schelten!" (S. 14.) Selbst Reuchlin mußte noch ״fast am Ende seines Lebens, 1518, ... es aussprechen: Nicht Durst nach Gold habe ihn dazu getrieben, die hebräischen Geheimnisse zu lernen, nicht eitle Ruhmsucht, im Gegentheil, er habe diese Studien verbergen müssen, weil Vierteljahresschrift VIII. 2 u. 3. 13