Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 8 (1870)
- Issue
- 2-3 (1870)
- Date
- 1870-01-01
- Page
- Seite 176 (sequence 96)
- Language
- German
- Belongs to
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176 Recensionen. Kanon machen: die Thorah redet nach der Sprache der Menschen, um aus ihr die Berechtigung zu ziehen, jeden anthropomorphischen und anthropopathischen Ausdruck vergeistigend umzudeuten. Es ist dem Vfr. nicht unbekannt, daß die Anwendung der thalmudischen Regel in diesem Sinne nicht in dem Geiste des Thalmuds liegt, der sie vielmehr auf einige ganz andere und vereinzelte Fälle einschränkt, wie Dies in meiner früheren wissensch. Zeitschrift (Bd. V) erschöpfend nachgewiesen ist und auch sonst darauf zurückgekommen wurde. Wenn der Vfr. dennoch dem Satze auch thalmudisch diesen Inhalt zuweisen will, so ist dies nur ein Resultat falscher Apologetik, die der Wahrheit Eintrag thut. Richtiger wäre gewesen, wenn er Sätze wie לשכר (לשכך) את תאזן und ähnliche angezogen hätte. Genug! Bei aller Achtung für die hohe Geisteskraft, für das kühne Streben der mittelalterlichen jüdischen Philosophen kehren wir von ihrem Studium mit der betrübenden Einsicht zurück, daß sie die Fesseln, welche sie einengten, nicht zu brechen wagten, nicht zu brechen vermochten, sie lösten sie ein wenig, erweiterten sie, blieben jedoch selbst von ihnen umwunden und konnten um so weniger Andere befreien; ihre widernatürlichen, weil innerlich widersprechenden, Versuche, frei zu sein und dennoch die Fesseln nicht abzuschütteln, mußten unfruchtbar bleiben, den Gegensatz nur schärfer herausfordern und zu neuer Nietung der Fesseln veranlassen. Man erkannte es Wohl, wie ein philosophirender Kabbalist aus dem vorigen Jahrhundert es naiv ausspricht (vgl. hier S. 235): תטבע ותפשט תיו בעוכרינו, die Annahme des Naturgesetzes wie des natürlichen Schriftsinnes, sie sind es, die unsere (der Gläubigen) Ruhe stören. Ja, die Philosophen gebrauchten diese beiden Waffen, aber sie waren mit beiden nicht vertraut genug, sogar war ihnen der wörtliche Schriftsinn ohne Zuhülfenahme der ihnen fast ganz unbekannten historischen Kritik oft mehr störend als fördernd. Die Strenggläubigen wie die Mystiker aber suchten mit aller Entschiedenheit das Recht dieser Waffen in Abrede zu stellen. Erst nun nachdem die Naturkenntniß zu festerer und tieferer Begründung, das Bibelwort zu richtigerem Verständnisse gelangt ist, die historische Kritik sich immer mehr ihre Berechtigung erkämpft, die rechte Auffassung des biblischen Inhalts ermöglicht, die Erstarrung löst, die religiöse Bewegung, auf biblischem Grunde verharrend, von ihrer Gebundenheit befreit wird, erst nun wird der Boden für den