Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 7 (1869)
- Issue
- 2 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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90 I Unterlassung der Trauung zwischen Peßach u. Schabuoth Anfangs mochten die.Juden ׳in Nom wol nur aus Unterwürfigkeit oder aus Gründen der Klugheit dem herrschenden Brauche sich accommodirt, des Heirathens im Mai sich auch wol nur enthalten haben, damit nicht ihre Töchter und Frauen, dem oben erwähnten Volkssprichworte zufolge, als schlechte Frauenzimmer in den Augen ihrer Unterjocher erschienen; allmälig aber gewann sicherlich jener Aberglaube selbst Herrschaft über sie, verschaffte sich bei ihnen die Idee Eingang, daß der Monat Mai den in ihm Vermählten Verderben, der jungen Frau vielleicht gar den Tod bringe. Dadurch aber lebte sich der Brauch um so tiefer in die jüdische Volkssitte ein, vererbte sich von Geschlecht auf Geschlecht und wanderte mit der Zeit auch zu den Juden, die nicht in römischen Landen angesiedelt waren. Bei dieser Wanderung mußte sich jedoch der römische Brauch eine Umwandlung gefallen lassen. Da nehmlich die Juden, namentlich im Orient, die Zeit nicht nach dem römischen Kalender berechneten, sah man sich, um den Brauch zu nationalisiren, gezwungen dem römischen Mai den parallelen jüdischen Monat zu substituiren. Dem Mai entspricht aber vollständig der Jjar, den die Bibel wegen seiner Blumen- und Blüthenpracht Jerach Siw; Glanzmonat, nennt. Durch diese Metamorphose der Zeitbezeichnung entschwand aber nach und nach dem Gedächtnisse der Juden ganz und gar der fremde Ursprung des Gebrauches; man betrachtete ihn als einheimischen, echt jüdischen — und suchte nach seinem vermeintlich jüdisch geschichtlichen Grunde, um ihn, zufolge des Grundsatzes: "*נלכתג של ישראל תוריד," als einen.religiösen zu sanctioniren. Da fand man denn im Talnud den Bericht, daß 24,000 oder mindestens 12,000 Schüler des R. Akiba zwischen Peßach und Azereth gestorben — und was war, da der Monat Jjar gerade in diese Zeit fällt, nun natürlicher, als daß man glaubte, die Quelle des Brauches entdeckt zu haben, ihm, dessen Hintergrund ohnehin die Vorstellung bildete, diese Zeit sei für das Leben der Neuvermählten Gefahr bringend, diesen traurigen Vorfall als Fundament unterzulegen? — Ja, man ging hierbei noch weiter. Man übertrug, um den Connex des talmudischen Berichtes mit dem herrschenden Brauche augenscheinlicher zu machen, die unbestimmte Zeitangabe des Talmud auf die durch den Usus festbestimmte Zeit der eingeführten Sitte. Man sagte nehmlich bei der Sanetionirung des