Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 8 (1870)
- Issue
- 1 (1870)
- Date
- 1870-01-01
- Page
- Seite 76 (sequence 79)
- Language
- German
- Belongs to
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76 VI. M. Rosenberg und K. Köhler. fast eine Geschichte des judäischen Cultus und Priesterthums genannt werden könnte. Dabei tritt allerwärts ein so unverkennbares Streben hervor, die untergegangene Pracht der davidischsalomonischen Tempel- und Cultuseinrichtungen so herrlich und mustergiltig als immer möglich darzustellen und das davidische Herrscherhaus im besten Lichte und von den vielen Makeln, die ihm in der unparteiischer gehaltenen prophetischen Geschichtserzählung anhaften, möglichst frei erscheinen zu lassen, daß man gar rasch gegen die Glaubwürdigkeit dieser Darstellung, die in der That vielfach an inneren Unwahrscheinlichkeiten und Widersprüchen mit den prophetischen Büchern leidet, Zweifel fassen muß, die alle Ausgleichungsversuche frömmelnder Kritik dem gesunden Verstand nicht benehmen können. DaZ zur Zeit gänzlichen Verfalls der Sprache unter persischer Regierung lange nach der Restauration des jüdischen Staats geschriebene Buch ist ein Werk der Priester aus dem jetzt allein mächtigen Geschlecht des Sadok oder deren Anhänger, der Sadokäer, die inmitten der wenig befriedigenden Gegenwart die Sehnsucht nach dem alten Glanze des Königthums und Tempels zur Thatkraft zu erwecken und den jetzigen kleinlichen Staats- und Tempeleinrichtungen ihr geschichtliches Vorbild in ihrem Sinne entgegenzuhalten beabsichtigten. Demgemäß gaben sie der Geschichte das constante Gepräge ihres Geistes, der nur in einem von Gott eingesetzten, legitimen und den Priesterlichen Institutionen holden Königthum und einem observanzentreuen Priesterthum die beiden Säulen sieht, auf denen das Heil oes Staates beruht. Mit besonderer Vorliebe verweilen sie daher bei den Priesterlich gesinnten Königen recht lange und machen des nördlichen Reiches und seiner rasch wechselnden Königshäuser so gut wie keine Erwähnung. Auch selbst bei der Theilung des Reiches wird aus ängstlich legitimistischer Scheu jeder Schein einer Anerkennung des vom nordisraelitischen Volke erwählten Königs als solchen oder einer Verbindung der israelitischen Könige mit den jeweiligen Propheten z. B. der des Jerobeam mit Achijah dem Siloniten oder des Achab mit Elias u. s. f. vermieden. Die Inhaber der Herrschaft über die nördlichen Stämme sind dieser Geschichtsauffassung nur Usurpatoren, von Gott als Strafruthe geschickte ״Empörer." Die legitim berechtigten Herrscher des gesammten Jsrael sind und bleiben für alle Zeiten die Könige vom Hause Da-