Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 7 (1869)
- Issue
- 1 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 76)
- Language
- German
- Belongs to
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Rabbiner-Versammlung. 73 Ich habe in Kassel von Mitgliedern der dortigen Gemeinde, welche mit Erwartung und Hoffnung den Verhandlungen beiwohnten, den Vorwurf hören und bekämpfen müssen, es sei die Schuld der Versammlung, daß sie nicht von der Stelle rücke, daß man zu keinem erkleklichen Resultate gelange; es fehle die geordnete, parlamentarische Behandlung. Der Vorwurf war in der That nicht ganz unbegründet; das unparlamentarische Verhalten so mancher Mitglieder, das Nichteinhalten der Geschäftsordnung, das unzeitige Herandrängen zu Reden und Anträgen zeigte, daß wir keinen Fortschritt gemacht haben im Parlamentarismus. Auch der Mangel einer scharfen, strengen Leitung war in der ersten Sitzung bemerkbar. Aber der Hauptmangel lag doch in einem andern Umstande. Wir kamen zusammen, ohne uns vorher über Charakter, Zweck, Umfang und Schranke der Verhandlungen irgend verständigt zu haben. Das Vorbild der früheren Rabbinerversammlungen schwebte Wohl den einzelnen die Theilnahme Zusagenden vor, aber das Vorbild paßte nicht mehr, denn man kann nicht zweimal dasselbe thun. Die zwanzig Jahre und mehr, welche dazwischen liegen, haben uns die Erfahrung gebracht, daß mit weitläufigen Reden und Resolulutionen, mit schönen Phrasen und Deklamationen wenig erzielt wird, weil den Gemeinden diese Art von Verhandlungen und Beschlüssen fremd, unbekannt bleibt. Wir oder doch wenigstens Viele von uns fühlten, daß wir in anderer Art praktisch werden müssen, bestimmt, begränzt und vorerst beschränkt auf die wichtigsten Punkte, aber offen und entschieden, ohne Phrase und ohne Halbheit und ohne Rückhalt. Nun kam es mir vor, als sei ein nicht kleiner Theil der Theilnehmer überrascht und nicht vorbereitet auf diese Aufgabe. Vielleicht irre ich, aber der Eindruck, welchen ich empfangen, war der, als wollten Manche einem bestimmten entschiedenen Ausspruche, selbst in minder wichtigen Fragen — z. B. ob im Omer copulirt werden dürfe — aus dem Wege gehen, als fürchten sie ein Zuweitgreifen. Bei solcher Sachlage konnte es zu keiner irgend bedeutenden Entscheidung kommen, konnte nur das Material zu künftigen Verhandlungen aufgespeichert werden, ein reichhaltiges, und die Wahl von Commissionen zur Vorbereitung und Bewältigung des Materials doeumentirt, daß man wenigstens den Willen hat, sich auf die Arbeit einzulassen. Die Zukunft muß lehren, bei wie Vielen dieser Wille fest und nachhaltig ist. Wer der künftigen Versammlung beitritt, weiß, daß er nicht durchschlü-