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Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1869-01-01 · 1 (1869) · p. Seite 72

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Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
7 (1869)
Issue
1 (1869)
Date
1869-01-01
Page
Seite 72 (sequence 75)
Language
German
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72 Umschau. geblieben ist. Theoretisch ist daher in dieser Angelegenheit wenig zu thun, und wo es sich wirklich um die Theorie, um ein tiefer eingreifendes Princip, um kritische Sichtung handelt — ob und wie der Messias, ob und wie die Opfer, die Einrichtung Israels, die Wunder u. s. w. in den Gebeten erwähnt werden sollen — da können Wohl in einer größeren Versammlung die Geister aufeinander Platzen und sich messen, aber zu einer einheitlichen Ansicht wird es schwerlich kommen, und man hat es auch der Versammlung in Kassel angemerkt, daß hier ein ״noli me tangere“ ist. Und praktisch noch viel weniger. Soll die Commission und resp. die künftige Versammlung ein Gebetbuch machen, eine Gottesdienstordnung fixiren, die Vorlesungen aus der Thora nach dem dreijährigen Cyclus oder nach einem andern beliebigen Modus, wie z. B. jetzt in Berlin, die Haphtara's nach dreijähriger Weise festsetzen? Mag die schwierige Arbeit zu Stande kommen — es ist nach meiner Ueberzeugung eine Sisyphus-Arbeit. Angenommen, der Commission gelingt der Entwurf — was soll dann die Versammlung damit anfangen? Zu einer 611 dioe Annahme, was relativ das Beste wäre, wird sie sich nicht leicht entschließen, und soll sie auf die Berathung eingehen, so wird Zeit, Kraft und Geduld verzettelt. Ist aber auch die Arbeit über diese beiden Berge hinüber, so kommt dann der größte — die allgemeine Einführung. Bei der gegenwärtigen Sachlage ist es nicht anders zu erwarten, als daß ein Gebetbuch, unter der Autorität einer größeren Versammlung herausgegeben, kein anderes Schicksal haben dürfte, als so viele andere — es wird von einem Theil acceptirt, von einem andern großen abgewiesen werden. Das wäre an sich kein Nachtheil, aber ein Institut, welches Einfluß gewinnen, eine Zukunft sich erringen will, sollte nicht mit einer so gefährlichen Probe beginnen und dadurch sich selbst ein Bein stellen. Mehr oder weniger entsprach denn auch der ganze etwas wirre Verlauf der Verhandlungen dieser Sachlage. Durch eine Art von Compromiß wurde zwar der Charakter der Versammlung als einer nur vorbereitenden und vorberathenden festgestellt, aber dann doch die specielle Berathung der Vorlage von College Philippsohn zugelassen. Und als sich die Consequenzen dieses Beschlusses zeigten, als die Berathung zu Weitläufigkeiten und minutiösen Details führte, mußte sie in der Mitte abgebrochen werden und hatte der Antragsteller Einsicht und Takt genug, diesen Abbruch in Antrag zu bringen.

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