Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 7 (1869)
- Issue
- 1 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 65)
- Language
- German
- Belongs to
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62 Recensionen. 2. Geographisches in Thalmud und Midraschim. Seit einem Jahrhundert und darüber ist die Kenntniß und daher auch die selbstständige Benützung des Thalmud aus der christlichen GelehrLenwelt geschwunden. Man verließ damals die altgewohnten Geleise, schlug neue Pfade der Forschung ein, benützte bisher ungekannte Hülfsmittel, von denen man mit Recht annahm, daß sie tiefer in die Ergründung der Wahrheit einführten, und in' dem so erworbenen Gefühle der Unabhängigkeit von den früheren Führern, an die man sich zuvor gar ängstlich hielt, warf man diese Stützen mit vornehmer Geringschätzung hinweg. Namentlich erging es so den thalmudischen und rabbinischen Schriften. Man verhöhnte ihre beschränkten Ansichten, was etwa als wissenschaftliche Tatsache ihnen zu entnehmen und zu benützen sein mochte, das glaubte man vollständig in den älteren gelehrten christlichen Werken enthalten, und man begnügte sich damit, die Angaben aus ihnen zu wiederholen; so war man in diesem Punkte, da man doch manches Thalmudische in seiner historischen Berechtigung nicht ignoriren konnte, nun dahin gelangt, daß was man früher in selbstständiger Forschung, daher auch mit richtiger Würdigung, aufnahm, man jetzt in sclavischer Abhängigkeit ohne eigenes Urtheil nachschrieb. Für das Geographische, um auf den Gegenstand zu kommen, dem wir hier besonders eine kurze Betrachtung widmen wollen, galt Reland, ein allerdings tüchtiger Führer, als zuverlässige Autorität, deren Angaben mit oder ohne Nennung blindlings wiederholt wurden. Den dadurch bewirkten Stillstand in der Forschung störten auch die Juden ihrerseits nicht. Die ältere Richtung, welcher auch die Masse der Thalmudkenner folgte, hatte für wissenschaftliche Verwerthung ihrer Vertrautheit mit dem Thalmud keinen Sinn; die Männer der neueren Richtung jedoch achteten diese alten Schriften, wenn sie auch mit ihnen bekannt blieben, so geringe, daß sie dieselben bekämpften oder ignorirten, nimmermehr aber ihnen selbst den untergeordneten Werth beilegten, daß aus gelegentlichen Aeußerungen doch gewisse der Wissenschaft nutzbare geschichtliche Thatsachen erschlossen werden könnten, und sie glaubten ihre Thätigkeit solcher Bemühung nicht hingeben zu dürfen. So ging dies etwa ein halbes Jahrhundert fort; Thalmud und Midraschim waren zu Mährchensammlungen, zu einem Beispiele geistiger Verirrung herabgesunken, von denen die Wissenschaft keine