Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 7 (1869)
- Issue
- 1 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 61)
- Language
- German
- Belongs to
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58 I. Etwas über Glauben und Beten. die Andern unbekümmert um euch ihren Weg, sie schreiten im Leben weit über euch hinaus, und den Cultus halten sie, zumal in unfever sehr wenig religiös gestimmten Zeit, für ganz überflüssig. Wozu also alle diese Anstrengungen? — Allein nicht blos die Schlußfolgerung, die aus dieser Betrachtung gezogen werden soll, ist falsch, sondern auch ihr Inhalt ist ein blos Lrüglicher. Gefolgert soll nämlich daraus werden: Laßt daher Alles ruhig beim Alten, überlaßt es sich selbst! Ginge diese Mahnung nun von denen aus, die sich Lheilnahmlos zur ganzen Sache Verhalten, denen es lieb wäre, wenn das ganze religiöse Leben versinkt, die es daher still vermodern lassen wollen, so wäre sie begreiflich. Allein sie wird uns zugerufen von Denen, die angeblich ein sehr hohes Interesse für alle religiösen Erscheinungen haben, und sie sollten dennoch abmahnen von den Versuchen, die Religion aus ihrer Erstarrung zu erwecken, sie neu zu beleben? Die Reformen werden nicht angestrebt, um zu der Religion künstlich heranzuziehen, sondern um diese in ihrer Reinheit darzustellen und sie allerdings dadurch auch mit der vollen siegenden Kraft auszurüsten, in der frohen Zuversicht, damit auch die Gemüther für sie zu erwärmen. Und ein solches Unternehmen sollte nicht achtungswerth sein, wenn selbst der baldige Erfolg ein zweifelhafter sein müßte? In der That aber ist dieser kluge Rath im Ganzen ein falscher. Er wurde einem jeden ernsten Versuche, in neue Bahnen zu lenken, entgegengestellt. Als Paulus auftrat, mußte er gleichfalls bekennen, er sei ״den Juden ein Aergerniß und den Griechen eine Thorheit," und dennoch hat das Paulinische Christenthum die griechischen Götteraltäre gestürzt, die Philosophenschulen aufgelöst und andererseits dem Judenchristenthum sein Haften an den Satzungen entwunden. Auch Luthers Unternehmen hat wle den Abscheu der Kirche, so auch den Spott der hochgebildeten Humanisten erweckt. Diese hielten es für weit verdienstlicher, ein zierliches Latein zu schreiben und die griechische Fabelwelt aus ihrem Traumdasein wach zu rufen, als dem Volke das Brod des Lebens zu reichen. Männer wie Erasmus lobten die Narrheit und hatten eine wahre Scheu vor der reformatorischen Strenge und Enge. Und dennoch ward der Protestantismus das Mittel zur Befreiung der Menschheit und zu ihrer neuen Culturentwickelung. Und das wiederholt sich bei allen ernstlichen Culturbestrebungen im Kleinen und Großen. Also verschont uns mit eurer höhnenden Weisheit; sie ist blos die Frucht der geistigen Beschränkt-