Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 7 (1869)
- Issue
- 1 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 36 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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36 I. Etwas über Glauben und Beten. ist das Leben die vollste Bethätigung der Ueberzeugung, ist eine jede Gesinnung nur dann von Werth, wenn sie lebenskräftig ist, sich im Leben bewährt; aber — man kann es eben ignoriren, ein Jeder lebt nach seiner Neigung, ohne daß es den Andern hindert, und die diametral von einander Abweichenden vertragen sich dennoch mit einander. Auch der Rabbiner kann, indem er sich praktisch dem Herkommen anschließt, diese Lebensfragen in der Literatur und auf der Kanzel — einfach tobt schweigen. Also im Leben entscheide sich ein Jeder nach Belieben, wenn er auch keine offieielle Kundgebung sonst verlautbaren lassen; ihn soll kein Wörtchen des Tadels darüber auch von fern treffen. Aber im leidigen Cultus, der den Charakter eines gemeinsamen hat, über dessen Feststellung der Rabbiner mit ein Urtheil abzugeben hat, da sollte eigentlich gar keine Frage gestellt werden, bevor nicht Confessionen unterzeichnet worden sind. Denn ״die Judenheit bildet noch heute eine einheitliche Körperschaft, innerhalb deren viele Richtungen in Glaubenssachen anzutreffen, ohne daß doch die Majorität derselben an ein Auseinandergehen und an eine Trennung denkt." Da sich demnach factisch im Judenthum keine zwei Confessionen gebildet haben, die scharf und präcis ihre dogmatische Abgränzung gegen einander ausgesprochen hätten, bei aller etwaigen reformatorischen Gesinnung doch keine genügende Anzahl sich officiell zu einer Reformation bekannt haben, eine solche dogmatische Lösung aber den Cultusfragen vorausgehen muß, folglich — giebt es gar keine Cultusfragen, können solche gar nicht mit Recht aufgeworfen werden. Jedoch neue Ueberraschung! Diese Folgerung zieht Hr. Dr. I. nicht, vielmehr langt er, nachdem er zuvor mit dem Aufgebote aller sophistischen Kraft das ganze Fahrwasser zu verrammeln bemüht war, mit einem Male in dem Hafen der Vermittelung an. Wir sollten meinen, daß, wo es keine Frage giebt, geben darf, auch ein jeder Dissens beschwichtigt ist, und wo dieser schweigt, eine Vermittelung gegenstandslos ist. Jedoch nehmen wir es mit der logischen Gliederung der Aufstellungen nicht so genau, obgleich der Mangel daran ein sehr bedenkliches Licht auf eine Schrift wirft, die die Klage immer wiederholt, daß man bisher den Gegenstand der Untersuchung so wenig begrifflich erfaßt habe. Uebersehen wir dieses Gebrechen, seien wir vielmehr froh, daß wir endlich auf mehr gelichteten Boden gekommen.