Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 7 (1869)
- Issue
- 1 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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22 I. Etwas über Glauben und Beten. same Bedenken, damit ein jedes klare und bestimmte, fördernde und erleuchtende Wort umwickelt, verwässert werde. Ja, wir fürchten gar kein Schisma. Wo es keine mächtige Hierarchie giebt, wo die ״Glaubensbestands"-Riecherei und Nichterei nicht mit Gewalt bekleidet ist, da können Wohl Streitigkeiten entstehen, heftig entbrennen und es kommt dennoch nicht zur Spaltung. Das Judenthum kennt keine solche und wird keine solche erfahren. Selbst Pharisäer und Sadducäer vermochten sich nicht von einander loszusagen. Im heftigsten Ringen mit einander um alle weltliche und geistliche Gewalt, mußten sie aneinander gekettet bleiben, und wenn die erstern die letztern als Ungläubige verdammten, wenn sie, sobald sie die Macht hatten, die Volksmassen mit ihren Fäusten ihnen zu Gebote standen, die saddueäischen Priester zwangen, den Gottesdienst nach ihrem Verlangen zu verrichten, so mußten sie sie doch selbst als die Hohenpriester dulden, mit ihnen in Gemeinsamkeit leben. Eine factische Trennung ist aus diesem Kampfe nicht hervorgegangen, trotzdem daß er weit tiefer in das ganze Staatsleben, in alle Machtsphären sich eingewühlt hatte. Nur in den späteren Zeiten, nachdem die Entfremdung lange genährt worden, die Ueberreste der dahinsiechenden Saddueäer unter dem Wehen eines neuen Geistes als Karäer wieder auflebten, als aber auch eine gewisse geistige und weltliche Macht den Juden gegeben war, weitgebietende Geonim und Resch-Galutha, das Urtheil über die Zugehörigkeit fällten, und diese gewaltsam die Karäer verdrängten: da war die erste religiöse Spaltung, und sie ist kaum beklagens- Werth, sie war vielmehr anregend, und das rabbinische Judenthum hat dem Karäerthum gar mancherlei zu verdanken. Die tapsern Geistesthaten dann der spanisch-arabischen Schule haben das Judenthum mehr erfrischt, gefördert, mit dauerndem Inhalte erfüllt, als alle Stille friedensseliger Trägheit. Diese Männer wußten, daß ihre Worte einen Kampfeswiderhall erwecken würden, und dennoch schlug selbst der höchst umsichtige Maimonides alle sich aufdrängenden Bedenken mit dem Worte nieder: Besser einen Einsichtsvollen gefördert, als zehntausend Thoren geschont! Darin, in seiner frischen, für alle Zeiten anregenden Kraft, nicht in seinen: .verkommenen Aristotelismus, der längst überwunden, nicht in seinen Vermittelungsversuchen, die längst als unzulänglich erkannt sind, liegt seine wahre Größe. Dafür bleibt ihm und seinen mitstrebenden Genossen, bleibt den Thibboniden der Dank der Judenheit, den