Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 7 (1869)
- Issue
- 1 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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14 I Etwas über Glauben und Beten. fraglos Schriftwidriges, ihrem Geiste wie ihrem Buchstaben notorisch Widersprechendes?" Fraglos, notorisch! Was dem Einen fraglos ist, steht dem Andern sehr in Frage, was in dem einen Kreise notorisch ist, ist es dem andern durchaus nicht. Die Wissenschüft allein entscheidet oft erst nach einem langen Verlaufe von Jahrhunderten über richtige oder falsche Auffassung, beseitigt oft langgepflegte, mit der unbezweifeltsten Gewißheit gefaßte Jrrthümer; die richtige Ansicht wird bei ihrem ersten Auftreten meist von sehr Wenigen anerkannt, sie wird bekämpft, verhöhnt, ihre Falschheit steht bei den meisten Zeitgenossen fraglos und notorisch fest. Wehe der Menschheit, wehe dem Judenthum, wenn dieses Kriterium ihre Entwickelung hemmen sollte! Fraglos und notorisch schriftwidrig galt und gilt etwa noch in vielen Kreisen die Behauptung, die Schlange im Paradiese, Bileam's Eselin habe nicht gesprochen: muß der Theologe stch ein Halt zurufen, wenn er gleichfalls der Versuchung ausgesetzt wird, dieser Ueberzeugung Eingang bei sich zu gestatten? Ist diese Bestimmung schwankend, daher nichtssagend, so ist eine andere der Art, daß sie im Satze aufgehoben wird. Zuerst nämlich wird der Mantel weit ausgebreitet, um alles Mögliche in sich zu bergen, aber dann vorsichtig eng zusammengezogen, um unvermerkt Bedenkliches aus sich entgleiten zu lassen. Begonnen wird mit der Schrift und dem späteren religiösen ״Schriftthum;" sie sind eine gewisse Gränze. Was kann die Orthodoxie mehr verlangen? Da steht ja das spätere religiöse Schriftthum ebenbürtig neben der Schrift als Gränzwächter. Also der Thalmud voll und ganz mit dem Schulchan-Aruch, vielleicht auch das Buch Jezirah mit dem Sohar, kurz Alles hat in dem faltenreichen Mantel des Hrn. vr. I. Raum genug. Da wäre die Discussion rasch beendet: Was dem Schulchan-Aruch widerspricht — und der drückt sich wahrlich nach Buchstaben und Geist mit einer Präcision aus, die Nichts zu wünschen übrig läßt — das ist unjüdisch. Doch nein! so ist es nicht gemeint. Das ganze spätere religiöse Schriftthum verschwindet mit einem Wale, und als Consequenz erscheint blos das ״Schriftwidrige". Aber ums Himmels willen wo bleibt denn aber das dem späteren religiösen Schriftthum notorisch Widersprechende? Lassen wir das vergebliche Suchen! Es ist auf-dem Wege vom Vorderzum Nachsatze unwiederbringlich verloren gegangen. Ist das ein Verfahren, das ernster Männer und ernster Gegenstände würdig ist?