Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 7 (1869)
- Issue
- 1 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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10 I. Etwas über Glauben Mld Beten. dieser höchsten Lehre ist keine wirkliche bestimmte Gemeinsamkeit, kein unzweideutiges Kriterium, wo die Prüfung des eigenen ״Glaubensbestandes" zum Austritte oder zum Einhalten veranlassen müßte. Vielmehr beruht die Gemeinsamkeit in dem innern Geistestrieb, der verschieden sich ausprägte und doch derselbe blieb. Die geschichtliche Kritik behauptet nun, selbst dieser Gedanke sei in beständiger Ent- Wickelung gewesen und befinde sich noch weiter darin, er sei nicht von vorn herein rein aufgetreten, und sei dennoch der tiefste Lebensgehalt des Judenthums gewesen, die körperliche Sichtbarkeit selbst, also auch die körperliche Gestalt Gottes sei zuerst keineswegs in Abrede gepellt worden, nur stand fest, daß cs dem Menschen nicht vergönnt sei, sie zu sehen; der Gedanke habe sich jedoch, freilich unter mannigfachen Rückfällen, immer mehr geistig gehoben und geläutert, weil er eben innerlich in der Gesammtheit lebendig war, ohne daß er sogleich im Anfang seinen adäquaten Ausdruck gefunden, indem er die vielfach wuchernden irrthümlichen Vorstellungen erst allmälig aufgezehrt hat. Also die Lehre ist als Idee vorhanden, aber eben nicht als Dogma. Ist es anders mit Offenbarung, mit Prophetie? Diese Thatfache, sagt Herr vr. I., ist niemals auch nur in Frage gestellt worden, darf daher auch von dem Juden, von dem freisinnigen jüdischen Theologen, wenn er nicht außerhalb des Judenthums stehen will, nicht in Frage gestellt werden, wenn sich auch die Geister in Bezug auf ihre Auffaffung unterschieden haben. Und wie, fragen wir, haben sie sich unterschieden und unterscheiden sie sich noch heute? Versuchen wir kurz die Antwort, die Herr vr. I. nicht berührt. Die Einen verstehen unter Offenbarung, daß Gott dem Träger derselben sichtbar geworden, unter Prophetie, daß der Prophet die Stimme Gottes gehört, die Worte, die er vernommen, als schlichtes Werkzeug buchstäblich wiedergegeben. Nein, sagen die mittelalterlichen Philosophen, Gott hat Niemand wede.r gesehen noch gehört; aber ein geschaffenes Licht ward wahrgenommen, eine geschaffene Stimme vernommen. Der Gesichtssinn, sagt wiederum Steinheim, führt zum Götzendienst, nur das Gehör vermittelt die Offenbarung. Das sind Alles Anthropomorphismen, sagen tiefere mittelalterliche Denker; es hat Niemand sinnlich gesehen oder gehört, nur geistige Visionen wurden Männern von erhöhter Geisteskraft und hat sich deren Phantasie in der Ausbildung und Darstellung fruchtbar erwiesen, oft auch zu Irrthümern und dichterischen