Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 6 (1868)
- Issue
- 4 (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 253 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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17. Die zweite Lempelperrode. 253 knechtet, dann auch um so zäher an jedem ererbten Brauche festhallen läßt, je mehr er vom Dränger verpönt und verhöhnt wird, endlich durch die ganze trübe Geistesrichtung des Mittelalters, welche die freie Bewegung der Geister nicht aufkommen ließ. So bekennt er, daß er nachzuholen hat "mit der frohen Hoffnung, daß es ihm gelingen werde. Dabei wird sich ihm aber die erste Entstehung des Christenthums ganz naturgemäß und ausschließlich aus dem Judenthume und den damaligen jüdischen Zeitverhaltnissen erklären, aus den großartigen Anregungen des judäischen Prophetismus und dem befreienden Drange des Pharisäismus. Er wird es bedauern daß schwärmerischer Eifer und heidnische Verblendung das Christenthum seinem Urboden entrückt, die Verletzung des reinen Gottesglaubens und die Verläugnung des angeborenen Adels in jeder Menschennatur wie so manchen andern Jrrthum zum Kernpunkte seines Daseins gemacht haben. Er bedauert schmerzlich die so entstandene unausfüllbare Kluft, aber er erkennt klar den ursprünglichen Zusammenhang. Anders ist die Stellung, welche der christliche Forscher zu dieser Thatsache einnimmt. So gern er auch auf den natürlichen Boden, die geschichtliche Umgebung eingeht, auf dem und innerhalb welcher das Christenthum erwachsen ist, so sehr er bemüht sein mag, unbefangen an diese Aufgabe hinanzutreten: so läßt er sich doch immer den Vorbehalt offen für einen Ueberschuß, der natürlich und geschichtlich nicht erklärbar ist, der als ein wunderbarer oder jedenfalls als ein ganz ungeahnt neuer schöpferischer Aet hinzugetreten sein soll. Er muß diesen Vorbehalt machen, will er das unheimliche Gefühl von sich fern halten, daß das Christenthum, wenn blos die reife Frucht einer naturgemäßen geschichtlichen Ent- Wickelung, dann auch blos eine neue Phase des Judenthums, aber keine neue Religion ist, daß die Persönlichkeit, an welche das Christenthum sich knüpft und welche sie göttlich verehrt, dann der überschwänglichen Verherrlichung entkleidet wird. Er kann sich nun einmal nicht damit begnügen, daß das Christenthum durch energisches Zusammenfassen der vorhandenen guten Elemente der Menschheit viel Heil — freilich auch durch schwere Jrrthümer unsägliches Unheil — gebracht hat; er will, er muß in ihm eine ganz neue geistige- Schöpfung, Anfang und — Ende aller Heilswahrheit erblicken, soll es in ihm, gemäß seinen ererbten Ansprüchen, von denen er sich nicht lossagen kann und mag, nicht ganz zusammenbrechen.