Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 6 (1868)
- Issue
- 4 (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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244 I. Die Rabbiner - Versammlung. der Andere sich mehr oder ausschließlich von dem vorliegenden Lebensbedürfnisse bestimmen lassen, auch in ihr werden die verschiedensten wissenschaftlichen Standpunkte und die mannichfaltigsten praktischen Erfahrungen und Anforderungen zum Ausdrucke kommen. Dennoch liegt es gerade in dem Berufe und der amtlichen Stellung des Rabbiners, daß er in sich selbst eine Mäßigung der einen Anforderung durch die andere, eine Vermittelung zu vollziehen bemüht ist, noch umsomehr wird er der Oeffentlichkeit gegenüber über sich wachen, daß er das eine Moment nicht über das andere vorwiegen lasse. Wenn Dies auch zur raschen Herbeiführung praktischer Resul- Late förderlich sein mag, so geht doch gerade die tiefere Gedankenbegründung, die Anregung tief einschneidender Fragen verloren, die Betheiligung der nach der einen oder andern Seite entschiedeneren Geister kann nicht erwirkt werden, weil sie sich nicht vertreten wissen. Gerade sie aber müssen mit in den Fluß der Bewegung gebracht, zur lebensvollen Theilnahme erweckt werden, auch sie müssen daher, wenn sie auch einseitige Ansprüche erheben werden, ihre Vertretung finden. Es soll der nichtbeamtete Gelehrte seine wissenschaftliche Ueberzeugung, mag diese lediglich aus den bestehenden Quellen geschöpft, mag sie der freien Wissenschaft entsprossen sein, ungetrübt als Maßstab anlegen, ohne daß er den Rücksichten auf die Lebensanforderungen Berechtigung einräume. Solche scharfe schneidende Aussprache der zwingenden Theorie reinigt die Luft, die dumpfe Enge der Berathungen durchbrechend. Ebenso dürfen auch die Männer, welche mitten im Leben stehn, nicht durch die Versenkung in die Forschung sich gewissen dem Leben fernliegenden Theorieen hingeben, sondern unbekümmert um spezielle wissenschaftliche Ergebnisse rein die Lebensanforderungen geltend machen, in solchen Versammlungen nicht vermißt werden. Es soll der Aufschrei des populären Bewußtseins, ebenso das durch das geschichtlich Bestehende gebundene wie das frei in dem großen Gesammtleben unserer Zeit wurzelnde, die künstlichen Theorieen aus ihrer Traumseligkeit er- Wecken und deren Unfruchtbarkeit kund geben, wenn sie sich nicht mit dem frischen Leben in den engsten Zusammenhang verschlingen. Thöricht ist die Besorgniß, daß bei einem solchen Aufeinanderplatzen der Geister nur Verwirrung entstehe, Unfriede gesäet werde. Die freie Berathung gebildeter Männer klärt und versöhnt immer, nähert und entzweit nicht. Zur Theilnahme an solchen Berathungen fühlen sich nur Männer von entschiedenem Interesse für diese An-