Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 6 (1868)
- Issue
- 4 (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I. Die Rabbiner - Versammlung. 243 Gesammtbewußtsein umgesetzt. Persönliche Berührung und Besprechung wirkt zu diesem Zwecke weit eingreifender und nachhaltiger als die Monologe der Einzelnen im schriftstellerischen Verkehre für die Mitglieder selbst wie für das engere und weitere theilnehmende Publicum. Die dadurch angeregte lebendigere Strömung in der Gedankenbewegung befruchtet dann zu bestimmten Ueberzeugungen in der nachfolgenden stillen Versenkung und zur Durchführung des als heilsam Erkannten im Leben. Also eine jede Versammlung, auch wenn sie blos aus Rabbinern zusammengesetzt ist, trug und trägt lediglich den Charakter einer belehrenden, den Willen anregenden, nicht einer diesen endgültig bestimmenden, gesetzgeberisch entscheidenden. Es ist grundfalsch, wenn man in ihr ein Forum sehen wollte, vor welches die Gemeinden ihre Anfragen zur Erledigung brächten. Das ist faktisch unwahr und verengt deren Aufgabe und Wirksamkeit, während man glaubt, sie dadurch mit einer höhern Autorität zu umkleiden. Sie soll nicht Einzelheiten nach feststehenden Grundsätzen beant- Worten, wie die alten Gutachten, die auf ergangene Scheeloth erfolgten Theschuboth, sie soll nicht die fertigliegenden Erkenntnisse in kleine Münze ausprägen, sie soll die neu entdeckten Goldbarren, das geläuterte edle Metall heben, mit aufschürfen und läutern und so auch die Anleitung zur Verwerthung geben. Sie soll nicht blos der augenblicklichen Frage dienen, sie soll auch die noch tiefliegenden Fragen heraufholen, der dunkeln Gährung zur Bestimmtheit und Klärung verhelfen. Dazu ist nun ganz besonders eine Versammlung von Rabbinern geeignet, weil in dem Rabbiner die Theorie und die Praxis sich gleichmäßig mit ihren Anforderungen geltend machen und nur die gehörige Beachtung beider einen fördernden Einfluß üben kann. Allein in einer Zeit, in welcher Theorie und Praxis so mächtig weit auseinander gehen, ja in der die wissenschaftlichen Ueberzeugungen wie die Lebensanschauungen und Anforderungen selbst wieder aufs Mannichfaltigste abweichen, ist es billig, daß ein jedes Moment auch unvermittelt zu seiner vollen Aussprache gelange, sich voll geltend machen könne, ja die wünschenswerthe Vermittelung ist gar nicht denkbar, wenn nicht zuerst die Gegensätze unverhüllt in ihrer ganzen Schärfe auftreten. Auch in einer lediglich aus Rabbinern bestehenden Versammlung wird freilich der Eine mehr auf die Hervorarbeitung der reinen Theorie den Nachdruck legen,