Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 6 (1868)
- Issue
- 3 (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 168 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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168 I. Die wieder erstehende Rabbiner-Versammlung. Und an allem Dem fehlt es. Die Gemeinden wissen nicht was sie wollen und wollen nicht was sie wissen; die ׳Gebildeten wollen aus ihrer Ruhe nicht aufgestört sein, sie beeilen sich zu den widerwärtigsten Concessionen, lassen Alles beim Alten, glauben den Riß zwischen zurückgebliebenen Institutionen und den Anforderungen der Gegenwart scheinbar verkleistern zu können durch Vereinigung der schroffsten Gegensätze, um nur keinen Ernst machen, nicht zu einem Streben sich aufraffen zu müssen. So siechen die Gemeinden hin ohne inneres Leben, so verkümmern die Rabbiner, hier unbeachtet, dort zurückgehalten, in trägen, falschen Conservatismus versinkend, so müht die Wissenschaft sich vergeblich ab ohne Anerkennung. Abhülfe muß werden, mag auch noch mancher Versuch sich als fruchtlos erweisen. Die Logik der Geschichte drängt dahin, und Manches was als stille Vorbereitung unbeachtet geblieben, als laute Mahnung überhört worden, bewährt doch seine zeitigende Kraft, wenn der rechte Moment eingetreten ist. Für den mit den Verhältnissen und Bedürfnissen Vertrauten stellt sich die Nothwendigkeit von gemeinsamen öffentlichen Besprechungen als dringend heraus. Es sind gegenwärtig neue wissenschaftliche Standpunkte und Erkenntnisse gewonnen, die zugleich von einer großen praktischen Tragweite sind; sie dürfen nicht im engen Raume der Gelehrlenstube verbleiben, nicht eingeschlossen sein in die nur den Fachmännern zugängliche wissenschaftliche Form, in die gelehrten Gehäuse der Bücher und Zeitschriften, sie müssen auf den großen Markt hinaustreten, sich vor den Ohren der Empfänglichen vernehmlich machen und Licht in die allgemeine Verwirrung bringen. Wir fassen jetzt anders als vor zwanzig Jahren Bibel und Thalmud auf, anders den ganzen innern Entwickelungsgang, welchen das Judenthum bei seiner Entstehung und seinem Vordringen in die Weltgeschichte durchgemacht, wir haben durch diesen gewonnenen tieferen Einblick auch eine klarere Erkenntniß von dem wesentlichen Gehalte des Judenthums, der es erhallen, ihm die dauernde siegreiche Wanderung durch die Jahrtausende ermöglicht hat und seine Fortdauer in seiner richtigen Erfassung verbürgt. Diese Erkenntniß muß zum Gemeingute werden. — So ungebunden ferner der Einzelne in seinem praktischen Verhalten ist, so sehr schadet doch dem Erstarken des lautern Judenthums in den Gemüthern die Unkenntniß, die auf der einen Seite in Aengstlichkeit ein Festhalten an abgelebten Formen bewirkt, auf der andern bei denen, die sich darüber hinwegsetzen,