Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 6 (1868)
- Issue
- 3 (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 167 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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I. Die gegenwärtige Lage. 167 Gefahr, gegen die man sich zu erheben sich aufgefordert fühlte. Man-wiegt sich um so mehr in sorglose Sicherheit, in träges Gehenlassen ein, als auch der Kampf nach Außen, die Abwehr etwaiger Angriffe von nichtjüdischer Seite her, die Empörung über die Verkümmerung der Rechte der Juden so gut wie geschwunden ist. Die Ueberreste morscher Schranken, welche hie und da eine hartnäckige Regierung noch aufrecht erhalten will, zeigen sich als so unterwühlt, daß man von deren Fall bei jedem sich erhebenden Windstoße überzeugt ist. Wenn etwa in Ungarn noch ein innerer Kampf entbrennt, Rumänien zur Entrüstung über mittelalterliche, modern überfirnißte Barbarei erweckt: so sind diese Länder nicht tonangebend im Reiche der Bildung, und nur von ihr kann die bewegende Richtung ausgehn. Wäre also wirklich ein Eifer, ein lebendiges Streben innerhalb der Judenheit nun nicht nöthig? kann die in ihr herrschende Todtenstille wirklich Befriedigung gewähren? Nimmermehr! Denn um es kurz zu sagen, das Wort, das ich vor mehr als dreißig Jahren ausgesprochen, gilt noch heute: die Judenheit ist im Großen und Ganzen fortgeschritten, das Judenthum steht nicht auf der Höhe der Zeit, hat sich nicht zu einer gesunden belebenden Macht entwickelt. — Ihm aber gerade wäre es vergönnt durch seine Lage wie durch seinen Gehalt, ihm ist der Beruf angewiesen, zu einer solchen Geistesmacht zu werden. Keine Hierarchie hemmt seine Entwickelung, keine Staatsgewalt stützt ihre veralteten Ansprüche auf sein veraltetes Kirchenthum. Aber noch mehr! Seine Grundlehren tragen nicht den untilgbaren Keim des Widerspruches gegen die Vernunft in sich, es knüpft sich an keine Person in einer geschichtlich begränzten Zeit, die es dennoch über alle geschichtlichen Bedingungen zu erheben verpflichtet wäre. Es hat das Ewige von je her in zeitlichen Formen gepflegt und hat die Aufgabe, das Ewige weiter zu erhalten unter neuen zeitgemäßen Formen. Seine Gemeinden sind ganz selbstständig in der Feststellung der ihrem Bewußtsein entsprechenden Einrichtungen, in der Wahl ihrer Führer, der Rabbiner; seine Wissenschaft ist, getränkt von allen Bildungselementen, frei in ihrer Entwickelung, unabhängig von der,Gunst herrschender Gewalten. 'Aber freilich da müssen die Gemeinden auch die volle Energie zum Ausdrucke ihrer Ueberzeugungen entfalten, die volle Klarheit zum Bewußtsein ihres Wollens erlangen, da muß die Wissenschaft ihre reine Pflege, die Stätte zu ihrer Uebung besitzen.