Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 6 (1868)
- Issue
- 3 (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 164 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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164 I. Die gegenwärtige Lage. sie zu ignoriren. Die Wissenschaft nimmt heutigen Tages zu dem' Streben, die neu gelötheten Ketten zu brechen, ungefähr dieselbe Stellung ein wie einst Reuchlin und Erasmus zu dem Werke der Reformation. Wie diese damals*), so Verhalten sich heute die Männer der Wissenschaft zu dem Streben des religiösen Fortschrittes innerhalb des kirchlichen Lebens kühl, mißtrauisch, vornehm kritisirend; bald wollen sie ihre, Behaglichkeit nicht stören, bald scheuen sie es, auch der fortschreitendenden religiösen Erkenntniß eine Macht über die Geister einzuräumen, sie finden hier wie dort zu tadeln und glauben, wenn sie sich zu entscheiden haben, sich lieber an dre scheinbare Consequenz des Alten als an die nothwendige Halbheit des im Flusse Begriffenen halten zu müssen. Doch Reuchlin und Erasmus wären spurlos dahingegangen, wenn nicht die Reformation sie in die allgemein verständliche That umgesetzt hätte, und besser eine halbe, aber fortdauernde und fortwirkende That als eine ganze volltönende, aber verklingende Phrase. — Die Gebildeten wenden sich gewaltsam ab von den betrübenden Folgen, welche die kirchliche Reaction, geschützt und getragen von der Macht, mit sich führt, wollen nicht daran erinnert sein, wie sie in ihre edelsten Lebensgüter eingreift, allen Aufschwung lähmt, dem Leben alle Verklärung entzieht, wie sie nur nüchternen kalten Spott nährt, die trivialste Gleichgültigkeit groß zieht. Man ist wahrlich der furchtlosen Beschränktheit eines Knak Dank schuldig, daß sie die Schäden, die geistige Versumpfung dieser Richtung so unzweideutig blosgelegt. Nun empört sich doch der Stolz der,Aufklärung gegen die Anmaßung, daß ihr solche kindische Vorstellungen aufgedrängt werden sollen, sie will den Anschein vermeiden, als ob sie wirklich in solchen Geistlichen ihre Führer, die Vertreter ihrer Ansichten erkennte. Sie rafft sich auf. Rafft sich auf? Ach nein! In matten, bald nächlüssenden Windungen macht sie die verkehrtesten Versuche zur Documentirung ihrer Hellen Ansichten. Statt das Uebel an der Wurzel anzugreifen, statt ernst sich zusammenzuscharen und alle Kräfte aufzubieten, um innerhalb der der fortschreitenden Richtung nicht verschlossenen Kirche jenen *) Das kühle, ablehnende Verhältuiß Reuchlin's zur Reformation ergiebt sich so recht aus dem Charakter der von Melanthon über ihn gehaltenen Denkrede, vgl. Ludwig Geiger: Ueber Melanthon's oratio 60ntiu6n8 kistoriam Capnionis (Fft. a. M. 1868), besonders S. 12.