Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 5 (1867)
- Issue
- 4 (1867)
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 256 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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256 II. Die neuesten Forschungen allen Übersetzung, als den unfehlbaren festzuhalten oder aber auch nach Belieben an ihm herumzurathen und nach eigenem Gutdünken andere Lesarten anzunehmen, bleibt bloßes Spiel der Phantasie, kann sich nicht über die haltlose Annahme erheben. Es mag zugegeben werden, daß auch zufällig manche Jrrthümer sich eingebürgert haben, aber ein zu großes Feld darf dem Zufalle nicht eingeräumt werden. Die religiösen Vorstellungen, die im Volksleben sich geltend machten, haben ihren entscheidenden Einfluß auf die Wahl der Lesarten, auf deren Umgestaltung geübt, und so wird das Abhören aller Zeugen und die Vergleichung ihrer Zeugnisse uns an den meisten Orten ebensowohl die ursprüngliche Lesart wie die Veranlassung zu ihrer Umänderung bei dem Einen oder dem Andern erkennen lassen. Wenn dieses Verfahren, welches in neuerer Zeit ausführlich dargelegt und in seinen wichtigsten Ergebnissen zur Anwendung gebracht worden ist, noch nicht im vollen Maße durchgedrungen ist, so liegt der Grund für dieses Versäumniß in dem Umstande, daß zu einer sichern Handhabung desselben eine vertraute Bekanntschaft mit der jüdischen Literatur der späteren Zeit nöthig ist, um aus ihr die maßgebenden Vorstellungen, welche auch in der Feststellung des Bibeltextes sich geltend :nachten, zu erkennen, diese Vertrautheit aber gerade bei den wenigsten Exegeten gefunden wird. Auch hier schreitet Hr. Köhler mit Sicherheit vor; daß und wie er ״die alten Versionen und den Midrasch" berücksichtigt, beweist, daß er den Werth derselben erkennt, nicht etwa für die richtige Sinneserklärung, sondern für die Geschichte des Textes und für das Zurückgehen auf die alte Grundlage, an der dann spätere Hände, geleitet von der Zeitrichtung, nach bestimmten Zwecken gearbeitet haben. Dieser Weg muß nothwendig mit aller Consequenz, mit sorgsamster Aufsuchung und Durchdringung des Materials verfolgt werden, wenn wir aus der kritischen Zuchtlosigkeit herauskommen wollen. So ist das biblische Gebiet noch ein großes Arbeitsfeld, das nicht so bald durchmessen werden wird; die Schwierigkeiten sind groß, der Hülfsmittel wenige, von den vorhandenen sind viele nicht Allen zugänglich, es haben sich feststehende Annahmen gebildet, die der Anerkennung einer neuen Behandlungsweise vorurtheilsvoll sich entgegenstellen. Geringer sind die Schwierigkeiten und günstiger die Erfolge für die Gewinnung und Durchdringung einer richtigen Vorstellung über Entstehung und Entwickelung der pha-