Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 5 (1867)
- Issue
- 4 (1867)
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 253 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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über Judenthum und Christenthum. 253 chemischer Weise zu Werke; was als fertiges Ganzes vor uns steht, muß in seine Bestandtheile zerlegt, in diesen die bildenden Urkräfte geschieden, entbunden werden. Dieser Auflösungsprozeß geht also den umgekehrten Weg, als den. welchen die geschichtliche Bildung durchgemacht hat; um diese zu erkennen, muß von der letzten verfestigenden Gestaltung ausgegangen, muß von dort aus in deren allmälige Herausbildung eingedrungen, müssen die mannichfach mitwlrkenden Kräfte blosgelegt werden. Man wird die oberen Schichten leichter aufdecken und erkennen, die Unsicherheit steigert sich, je tiefer wir in die untersten Lagen einzudringen unternehmen. So sind wir denn in der Erkenntniß von dem Werden des biblischeu Judenthums und in der biblischen Kritik, trotzdem daß die Arbeiten darin schon seit lange ernstlich begonnen und ununterbrochen fortgesetzt werden, noch weit zurück. Es ist nicht in Abrede zu stellen, daß schon seit lange, und zwar von christlicher Seite aus, auf diesem Gebiete Verdienstliches geleistet worden; allein indem man von oben herab statt von unten hinauf zu bauen versucht, die späteren Gestaltungen ignoriren zu dürfen geglaubt hat, hat man den richtigen Weg nicht auffinden können. Die Ueberzeugung bricht allmälig dnrch, daß mit der Annahme von verschiedenen Erzählern, zusammengeschweißten einzelnen Urkunden, die sich auch nach abweichenden Gottesnamen unterscheiden, blutwenig gewonnen ist, daß von dem starren Zusammenstellen zum organischen Werden, von der Erkenntniß der Abweichungen zum Verständmß der tiefer liegenden Gründe, welche in diesen Abweichungen zum Ausdrucke kommen, vorzudringen ist. Es genügt nicht die Buchgelehrsamkeit, nicht daß man die schriftstellernden Persönlichkeitendes Alterthums controlirt: das Leben des Volkes, aus dem die biblischen Bücher hervorgewachsen sind, muß erkannt, der Geist, in dem es zu verschiedenen Zeiten dieselben aus sich hervorgearbeitet, erfaßt werden. Die religiöse Bewegung des Volkes ist mächtig bedingt von den Kämpfen, welche es nach außen um seine Selbstständigkeit, nach innen unter den Stämmen selbst um die Hegemonie des einen oder andern führte. Diese Kämpfe aber werden uns in den überkommenen Schriften oft mehr verdeckt als berichtet; ihr Vorhandensein und ihren Einfluß zu erschließen, ist eine Aufgabe, von der erst die Ahnung ersteht. Das ganze biblische Judenthum und seine mannichfachen Gestaltungen und Umbildungen, wie die Schriften, welche uns dieselben darlegen, erhalten sämmtlich ihr Gepräge von dem