Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 5 (1867)
- Issue
- 4 (1867)
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I. Kley und Rapoport. 243 Ausdrucke, dem Gottesdienste, der zugleich ein Bedürfniß jedes Einzelnen blieb und nur in einer ihrer gegenwärtigen Bildungsstufe, ihren veredelten ästhetischen Ansprüchen entsprechenden Weise befriedigt werden konnte. Man suchte nun freilich dieses Unternehmen sowohl vor sich selbst als auch den bald hervorbrechenden heftigen Angriffen gegenüber auch von dem noch geltenden jüdischen Standpunkte aus zu rechtfertigen, man bequemte sich demselben an, soweit als es die bestimmenden Anforderungen gestatteten; der wahre Antrieb blieb jedoch vorzugsweise die allgemeine Bildung, weniger die etwa wirklich vollzogene innere Entwickelung im Judenthume selbst. Eine volle Versöhnung aber, eine gesunde sich fortleitende Bewegung konnte nur aus der Erkenntniß entstehen, daß das Judenthum nicht außerhalb der Zeitbewegung steht, sondern in dieselbe immer eingegangen, seinem Entwickelungstriebe stets gefolgt und Lebenskraft genug in sich habe, mit der ganzen Strömung in Wechselwirkung sich fortzubewegen. Allein das nachbiblische Judenthum erschien den Männern der Aufklärung als eine ungefügige, aus Geistesverkehrung erzeugte und sie festhaltende verworrene Masse, als ein srazzenhaftes erstarrtes Gebilde; wie sollte aus diesem heraus der Eintritt in die neue Geistesbewegung ermöglicht werden? Eine ähnliche Anforderung machte sich jedoch in der ganzen Zeit geltend. Die starke Abweichung der zur Herrschaft hinstrebenden neueren Anschauungen von den durch das Mittelalter herbeigeführten Verhältnissen, von Grundsätzen und Satzungen, welche in ihrer äußern Herrschaft noch kaum erschüttert, noch immerfort das Leben bestimmten, drängte zur Erklärung und Auseinandersetzung. Man konnte nicht mit der Vergangenheit brechen, und man hätte sich daran nicht genügt, wenn man es auch gekonnt hätte. Der Geist verlangt ein Verständniß des ihm seltsam Gewordenen, er verschließt sich nicht der Einsicht, daß auch das ihm Entfremdete zu seiner Zeit geistiges Product gewesen sein muß, und indem er sich von dem Ueberwundenen gern loslöst, verlangt er doch danach, die ihm verwandten Antriebe, wenn sie sich auch jetzt ihm entfremdet haben, näher zu erkennen, sich befreundet ihnen anzuschließen, aber mit befreiter, erfrischter Kraft sie zur Fortentwickelung zu befruchten. Die Sehnsucht, den geschichtlichen Boden kennen zu lernen, auf dem man erwachsen, ihn aufzuwühlen, bei Wegwerfung seines dürren Gezweiges die reiche schöpferische Kraft zu entbinden, die 16*