Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 6 (1868)
- Issue
- 2 (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 119 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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IV. Das Salböl bei den Pharisäern und bei den Evangelisten. 119 spräche vereinigen, ausgleichen zu wollen. Es sind eben verschiedengeartete Berichte über dieselbe Thatsache. Solche kommen leicht vielgestaltig in Umlauf, allein man wird bei Berichterstattern, denen man es anmerkt, daß sie bei jedem einzelnen Umstande, den sie auswählen, bei jeder Färbung, die sie ihm geben, nicht müßige Erzähler sein wollen, sondern den bestimmten Zweck, dem ihre ganze Darstellung dient, beständig vor Augen'haben -- oder um uns correcter auszudrücken: man wird bei Berichterstattern, die von ihrem Zwecke so erfüllt sind, daß Alles was'demselben nicht dient, vor ihrem Blicke ganz verschwindet, nur das diesem sich Ein fügende ihnen der Mittheilung Werth erscheint, ihnen Alles, was sie denken, die der sie beherrschenden Idee gemäße Gestaltung erhält und sie es auch so wiedergeben, man wird bei ihnen mit Recht fragen: Was soll diese ganze Salbungsgeschichte? was ist es mit dem an sie sich knüpfenden Tadel? woher die Verschiedenheit bei den Erzählern über den gesalbten Körpertheil, über die Personen, von denen der Tadel ausgeht? Diese Fragen haben die Erklärer gequält, auf welchem dogmatischen Standpunkte sie sich auch befinden mochten, ohne daß sie eine befriedigende Lösung zu finden wußten. Sie haben eben die Geistesrichtung der Zeit nicht gekannt, innerhalb welcher die Geschichte niedergeschrieben wurde, daher weder ihren Zweck im Allgemeinen noch den Grund ihrer Variationen erkannt. Mit dem richtigen Einblicke in die Zeitanschauung, den wir aus den vorangegangenen Erörterungen gewonnen, wird das Ganze größere Klarheit erlangen. Ein Weib hatte beim Mahle Jesus das- Haupt gesalbt als Zeichen ihrer Verehrung, und dieser ließ es geschehen; die Pharisäer aus dem Kreise der Hilleliten oder, was dasselbe bedeutet, die eignen Jünger Jesu, die derselben Richtung angehörten, fanden dies Ladelnswerth, sie nannten es geradezu ein ״Verderben", einen sündhaften Luxus, der das Werthvolle, welches den Armen Unterstützung gewähren konnte, für eine Handlung verschwendete, die ״für einen Gelehrtenschüler nicht löblich ist, nämlich von Salben zu duften". Warum ließ es nun aber Jesus dennoch geschehen? Nun, er machte eine Ausnahme, er, der dem Tode Entgegengehende und der Auferstehung Entgegenreifende, durfte, sollte auf diese Weise verherrlicht werden. Dies die ältere Relation bei Matthäus und Marcus, wie sie vollkommen der damals herrschenden pharisäischen Richtung entspricht und wie sie im Einklänge steht mit der Betonung der ganz außerordentlichen Stellung Jesu.