Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 6 (1868)
- Issue
- 2 (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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90 H. Maleachi und der jüngere Jesaias. durchzieht, kehren die Vaterlandssreunde aus den heimischen Boden zurück. Die Brust ist von Zukunftshoffnungen geschwellt, die nüchterne Gegenwart drängt mit ihren Anforderungen und beugt den Sinn nieder. Juda soll in seiner vollen die Welt bestrahlenden Herrlichkeit neu erstehn, aber auch Volk und Staat soll innerhalb der engen Gränzen, die ihm gesteckt sind , umringt von den Gefahren, die ihm drohen, restaurirt, befestigt werden. In jedem Einzelnen macht sich der Zwiespalt fühlbar. Die Freude der hochfliegenden Erwartung wird verkümmert durch die dürftige Wirklichkeit; der Jubel über die neuen Grundlagen wechselt mit dem Weinen beim Anblicke von deren Schwäche und Aermlichkeit. Besonders in den höheren Geistern, in den Führern und Anregern mußte je eine der zwei Seiten überwiegen; der Eine erfüllte sich mehr von Israelis hohem Berufe und suchte ihn in's Bewußtsein des Volkes zu rufen, der Andere war ganz von dem Verlangen nach einer angemessenen Wiederherstellung Jsrael's, nach der Befestigung seiner gegenwärtigen nationalen Wirklichkeit bewältigt und forderte dazu mit Nachdruck auf. Als die ausgeprägtesten Träger dieser zwei verschiedenen Richtungen treten uns besonders der jüngere Jesaias und Maleachi entgegen. Die beiden Propheten, welche wir soeben genannt, bilden, so sehr sie zeitlich einander nahestehen, den entschiedensten Gegensatz in Form und Inhalt. Der jüngere Jesaias — den ich freilich nicht als eine Einzelpersönlichkeit, sondern als eine Collectiv- Person, als eine Reihe begeisterter Seher von dem Aufrufe des Cyrus an bis zur griechischen Periode hin betrachten möchte — ist von hohem dichterischem Schwünge getragen, seine Rede ist kühn, farbenreich, wenn auch nicht frei von Schwulst und rednerischem Pathos. Maleachi ist gedrückt, ungelenk, vermag sich kaum über die plattste Prosa zu erheben, und wo er einen höheren Ton anstimmt, wird er incorrect und schwer verständlich. Ein Gemeinsames, die Zeitbewegung Abbildendes haben sie in ihrer Darstellungsform; sie lieben, oder besser es drängt sie zur Discussion, sie führen die Zweifler und Gegner mit ihren Einwürfen, welche sie ihren Hoffnungen und Anforderungen entgegenstellen, redend ein, um sie zu Widerlegen. Aber wiederum sieht man den großen Unterschied an gewandter Handhabung auch in dieser Form zwischen beiden. Bei dem jüngeren Jesaias fließt sie natürlich mit ein, ohne daß die Gesprächsform den dichterischen Charakter aufhebe; bei Maleachi ist die vielfache