Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 6 (1868)
- Issue
- 2 (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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88 II. Maleachi und der jüngere Jesaias. Vertieften Innerlichkeit der religiösen Erkenntniß fand Juda die Kraft, auch bei dem Verluste seiner politischen Selbstständigkeit seine Individualität sich zu wahren; mit dieser Kraft zog es aus, mit ihr kehrte es zurück. Dennoch lagen in dieser judäischen Richtung zwei Elemente unversöhnt neben einander; sie mußten sich bald bekämpfen bald sich zu durchdringen suchen. Beides geschah und daraus ging die neue Gestalt des Judenthums hervor. Der ideelle universalistische Zug war einerseits Juda's geistige Lebenskraft, das die edelsten Geister Beherrschende. Der einzige bildlose Gott der Herr des Himmels und der Erde, der Vater der Menschen, der Annehmer der Gebeugten, der den Fremden wie den Heimischen liebt, von dem nicht Gestalt gesehen, dem kein Haus zur Wohnstätte errichtet werden kann, das ist sein Glaube. Von dem Ihm geweihten Hause, dem Tempel, aus der den Tempel einschließenden Stadt, Zion und Jerusalem, soll vorzugsweise die reine Lehre ausgehn, dort soll die Gottesverehrung in feierlicher, die Gesammtheit vereinigender Er- Hebung vollzogen werden; aber mit ihr ist den religiösen Ansorderungen nicht genügt. Das hohe Haus und seine Heilighaltung verleiht Israel noch nicht Weihe und Bestand; Verlaß darauf ist thöricht, wenn das Volk sonst in sündigem Wege wandelt. Opfer und Priester sind werthlos zur Entsühnung des Volkes. Aber auch dessen äußerliche That, all seine Reinigungsmittelund absonderlichen Vorsichtsmaßregeln sind nicht der Gehalt des wahren göttlichen Lebens. Nicht das auf steinernen Tafeln verzeichnete, sondern das in die Herzenstafeln eingegrabene Gesetz, das nicht fernher zu suchen ist, der darauf gegründete neue Bund mit Gott ist Bedingung des Heils. Die Beschneidung der Vorhaut des Herzens, nicht des männlichen Gliedes, Ablegung der Sinnlichkeit, Bewältigung der irdischen Triebe, Bekämpfung aller Gewaltthat und Ungerechtigkeit ist Frömmigkeit. Opfer des Dankes, der Ernst, die Hartnäckigkeit und den Trotz in sich niederzuwerfen, nicht das blutige thierische Opfer macht Gotte wohlgefällig. Reinigung des Herzens, Veredlung der Gesinnung und Empfindung, nicht Fernhaltung von der Berührung gewisser Dinge, welche eine verunreinigende Wirkung haben sollen, ist wahre Selbstheiligung. Diese Weltreligion mit allen aus ihr sich ergebenden Folgerungen soll die ganze Menschheit umfassen, sie ist die Heilszukunft des ganzen Menschengeschlechtes, das unter ihrem Banner in Frieden und Liebe sich einigt.