Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 6 (1868)
- Issue
- 1 (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 67)
- Language
- German
- Belongs to
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66 Umschau. Die Romantik ist uns in ganzen Zeiten wie in einzelnen Personen kein Räthsel. Wir kennen ihre schöne Begabung, ihre dichterisch anempfindende Stimmung; wir kennen aber auch ihren Mangel an gesunder Zeugungsfähigkeit. Wir ehren ihre nach vielen Seiten hin anregenden Leistungen, aber wir achten nicht ihre Prätentionen, mit denen sie hochfahrend alle Neugestaltung begeifert. Wir lassen auch ihr halbes Verdienst gelten, aber wir müssen es bekämpfen, wenn es sich anmaßend als ein ganzes und als das einzige gerirt. Wir begreifen also die Romantik und wissen uns vollkommen mit ihr auseinanderzusetzen; sie ist uns auffallender, weil seltner, im Judenthume. Das Judenthum hat von vorn herein zu Gunsten der lebendigen Idee und der Wahrheit ein jedes blos schöne, aber inhaltlose Bild, eine jede hohle, wenn auch wohlgestaltete Form bekämpft, so daß ein solch schwächliches dichterisches Sehnen in ihm nicht aufkommen konnte. Es konnte erstarren, aber es hat sich dann lieber an der nackten Starrheit genügt als daß es sie in Flitter gehüllt; es konnte in brütende Schwärmerei versinken, aber es hat dann phantastische Ideen, doch nicht phantastische Formen gehegt. Wenn uns daher eine solche Erscheinung dennoch entgegentritt, so mag der seltsame Anblick auf uns allerdings umsomehr den Eindruck des Räthselhaften machen. Sie ist anziehend durch das viele überwiegend Schöne, sie fesselt durch das Geheimniß, welches sich um sie lagert. Um so ernster aber ergeht an uns die Mahnung, daß das Ungewöhnliche uns nicht verblende, daß wir nicht aus Lust am Fremdartigen ungerecht gegen den naturgemäßen und gesunden Gang der Ent- Wickelung werden. Die Eigenartigkeit hat kein Recht gegenüber der tragenden Macht der geistigen Fortbewegung; das Trotzen gegen diese ist nicht männliche Charakterfestigkeit, es ist geistige Unbeholfenheit. Michael Sachs gehört zu den Vollendeten; ihn ehrt das treue Andenken, welches edle hochbegabte Männer ihm bewahren. Daß er wenig von dem geschaffen, was er vermocht, möchte ich bezweifeln, ich glaube vielmehr, daß er bis zu den Gränzen seines Vermögens gekommen. Sein Verlangen war umfassend; seine gestaltende Kraft, soweit sie nicht eine nachbildende war, schwach. Er hat nie eine ernste Frage angegriffen, und das hätte in seiner Lage eine dringliche Anforderung an ihn sein müssen. Er hat nicht, wie etwa Schleiermacher, eine ähnlich angelegte, aber weit größere Natur gethan, mit