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Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1868-01-01 · 1 (1868) · p. Seite 65

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Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
6 (1868)
Issue
1 (1868)
Date
1868-01-01
Page
Seite 65 (sequence 66)
Language
German
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Umschau. 65 befriedigte ästhetische Stimmung zu gelangen; sie können nicht schaffen, aber das Schöngebildete empfinden, es auch um- und nachschaffen. Auch diese Anempfindenden und Reproducirenden sind, wenn zwar nicht genial, doch oft sehr schöne Talente und sind uns dadurch lieb und Werth. Doch find sie der Gefahr einer sich selbst überschätzenden Täuschung ausgesetzt. Wenn sie sich als Dichter betrachten, während ihnen die schöpferische Kraft gebricht, bilden sie Frazzen aus. Sie finden an dem Unfertigen in ihrer Gegenwart, weil sie es nicht in voller harmonischer Entfaltung vor sich erblicken, kein Genüge, verkennen deßhalb seinen Werth und seine Berechtigung, und schmähen es, weil sie es nicht begreifen. Sie vermissen schmerzlich in dem lebensvollen Kampfe, der den Widerspruch des Wachsens und Abstoßens zugleich in sich hegt, in dem frischen Processe, der Entstehen und Absterben vereint in seinem Schoße trägt, den behaglichen Genuß, mit dem das Ausgerungene in Ruhe sich aufnehmen läßt, sie finden Kampf und Proceß als widerwärtig, unschön. Darum wenden sie sich mit bitterem Tadel ab von ihrer Gegenwart und von der Zukunft, die sie in sich birgt, und werfen sich in die Arme der Vergangenheit, die fertig vor ihnen liegt und die durch die unsichere Beleuchtung aus der Ferne her ihnen verklärt erscheint. Mit dem Eigensinn der Schwäche, mit dem Trotze der Unvernunft wollen sie diese wieder erwecken, sie der frisch aufstrebenden Gegenwart aufpfropfen. Denn Mangel an schöpferischer Kraft zur Mitbetheiligung an dem Herbeiführen einer neuen Zeit ist es, sich in eine nun einmal überschrittene Bergangenheit zu versenken; Frucht der Ungeduld, die sich nicht bewältigen, nicht zum muthigen Ausharren und Mitgestalten aufraffen kann, ist es, unwirsch das langsam Keimende zu bemäkeln und verzweifelt das Abgeblaßte zu neuem Leben anzuhauchen. Das ist die Romantik, die bei aller Beweglichkeit in den mannichfachsten Kunstformen, bei allem gluthvollen Versenken in die Vergangenheit, Aesthetil und Geschichte schwer verkannt und an den edelsten Gütern der Menschheit sich versündigt hat. Sie hat, indem sie zur Dichtung, zur Kunst sich berufen glaubte, Groteskes und Ungeheuerliches geschaffen, unwahre Abstraetionen als lebende Gestalten vorgeführt; sie hat den Wahn festgehalten und herausbeschworen und hätte gern allen Trieb zur Neugestaltung des Lebens mit den festen fertigen, aber auch starren Ordnungen aus der Vergangenheit erstickt. Bierteljahrsschrist VI. 1. 5

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