Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 6 (1868)
- Issue
- 1 (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 63)
- Language
- German
- Belongs to
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62 Umschau. ״Ein friedlicher, ja ein kindlicher Sinn läßt ihn mit naiver Begeisterung mitten im Leben stehen. Für viele Dinge in der That hatte er kein Verständniß, und desto mehr hatten Viele kein Verständniß für ihn. Nicht weit und fein und falsch gesponnene Theorieen hinderten ihn die Dinge zu sehen und zu nehmen wie ste sind, sondern allein jene poetischen Täuschungen. Seinem Urtheil über Menschen und Dinge gab dies einen eigenen Reiz. Aber auch seine Hoffnungen, seine Bestrebungen, sein Blick in die Zukunft waren die eines poetischen Gemüths. Traf er nun auf die wirklichen Dinge und traten sie an ihn mit ihren Härten und Eigen- Heiken, dann zog er sich schnell und scheu zurück. Unmittelbar auf die Gegenwart wirken, Großes ausrichten, war ihm daher unmöglich. Desto mehr konnte er anregen, die ideale Stimmung schaffen, aus welcher Kräfte erzeugt und bewegt werden. Auch von der geistigen Wohlthat gilt der alte Satz: daß Thaten in den Anderen anzuregen wichtiger ist, als nur allein zu wirken. Nicht zufällig ist es daher, weder daß in Berlin viele ideale Zwecke auf dem Gebiete des Judenthums sich regen und erfüllen/ seit er hier lebt, noch auch daß er selbst sie eigentlich nicht ausführt. ״Ob uns des Räthsels Lösung gelinge oder nicht, es gilt ein Zeugniß abzulegen und die Thatsache auszusprechen. Sachs war im Urtheil erstaunlich frei von jeder Tradition; er war frei wie ein griechischer Philosoph, selbständig, kühn gegen alles Hergebrachte, Gebräuchliche, allgemein Geltende. Aber in seiner Praxis wendet er diese Freiheit nur gegen den neuerdings hergebrachten, nachgebeteten religiösen Liberalismus; er ist so kühn und so freisinnig — orthodox zu sein. ״Er war sich bewußt, den Reiz der Schönheit des elassischen, den Adel und den Schwung des modernen Geistes stärker zu empfinden, als viele Andere, die ihn auf ihre Fahne schrieben; aber er ist stolz darauf, von diesem Reize ungefesselt, dem scheinlofen, aber sittlich tiefen Erbgut des jüdischen Geistes eine schwärmerische Liebe zu bewahren und den monotheistischen Ernst des Lebens über alles Wissen und alle Schönheit zu setzen. — Er kannte die Schwächen der ächten Orthodoxen und Nationalen so gut und liebte doch so Vieles, was mit ihnen aufs Innigste zusammenhing; in der Sorge für jedes Heiligthum zart, rastlos und offen erscheint seine bloße Treue als Eifer. Mit dem Werkzeug der modernen Bildung ist Negiren so leicht, Conserviren schwer; desto schwerer,