Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 6 (1868)
- Issue
- 1 (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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20 I. Unser Gottesdienst. und dem wir treu bleiben sollen, werden wir der Pflichten inne, die er uns auferlegt: wozu aber der Seitenblick, der im Vergleiche liegt und dem unberechtigten Stolze so leicht Nahrung giebt? Wer seiner Kraft und Tüchtigkeit sicher ist, prunkt nicht damit; nur der Kleinliche führt sie im Munde, und sein Thun straft seine Worte dann Lügen. Es ist keine Gottesverehrung, die Saat der Trennung, wo sie unnöthig ist, in die Gemüther Tag für Tag ausstreuen; die Folge davon ist entweder, daß auch der Keim wirklicher Entfremdung genährt wird oder — was gegenwärtig mehr der Fall ist — daß die Worte gedankenlos hergesprochen werden, hie und da mit einem innern Proteste oder mit einem überlegenen Lächeln über solche kindische Ausdrucksweise. Das ist nicht Andacht, nicht Seelenreinigung, solche Anstöße müssen weggeräumt werden. Ich habe hier allgemeine Gesichtspunkte aufgestellt und es vermieden, die Beispiele zu häufen, eine reiche Lese aus dem vorliegenden Materiale zusammenzustellen. Ist man über den Gedanken einig, so läßt sich die Reinigung bei der Ausarbeitung unschwer ausführen. Aber der Entschluß muß vorhanden sein, und ihn zu fassen ist es hohe Zeit, wenn nicht unser ganzer Gottesdienst zur Ruine, die blos hie und da flitterhast aufgeputzt ist, werden soll. Ich weiß es, es läßt sich jeder Ausdruck künstlich umdeuten, gewaltsam rechtfertigen; aber wir sollen beim Gebete natürlich, einfach, ohne mögliches Mißverständniß sprechen. Man kann sich romantisch echauffiren, unsere Ahnen beschwören, jeden Blutstropfen vorführen der für jedes Wort vergossen worden, jeden Seufzer, der sich mit ihm aus der Brust gerungen und so ein krankhaft poetisches Interesse dafür erwecken. Man verlängert damit die Krankheit statt daß man die Heilung anstrebt; dieses aber ist die Aufgabe wahrer Religion, gesunder Poesie. — Man kann sich vornehm von solchen Versuchen abwenden, seine Schlaffheit in die Hülle höherer Betrachtung kleiden, die Alles der von selbst sich ergebenden Entwickelung überläßt. Allein das ist nur Vorgeben, nur Bemäntelung der eignen Kühle und Ohnmacht. Wo ein Bedürfniß ist, da müssen die Menschen in der Zeit, welche es erkennen, sich zu Trägern des Dranges nach seiner Befriedigung machen und Hand anlegen; wo ein Gebrechen' ist, da darf der Arzt nicht blos der Natur dessen Heilung überlassen, er muß sie belauschen und Lhun, was sie zu ihrer Unterstützung verlangt.