Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 6 (1868)
- Issue
- 1 (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2420973-2420992-2420993--1631-2422634- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
I. Unser Gottesdienst. 19 eigne treue Festhalten in Stille belehren, bald auch durch das muthige Wort die Lehre weithin verkünden. Israel ist als geistige Lebensmacht noch nicht erloschen, seine weltgeschichtliche Bedeutung nicht geschwunden, aber es erfüllt seinen Beruf nur dann in Wahrheit, wenn es für die ganze Menschheit, in ihr und mit ihr zu wirken das Bewußtsein hat. Jede Absperrung, sei es phantastisch Volksthümliche oder religiöse, jede Ueberhebung und Selbstbespiegelung trübt diese Ausgabe, zerstört seinen Berus. Es mag verzeihlich, ja nothwendig und heilsam gewesen sein in Tagen schweren Druckes, tiefer Seelenleiden, wo sich der Jude in sich zurückziehen, aus seinen Wunden Trost und Erhebung schöpfen mußte; nun aber gilt es, mit freiem Blicke, in liebendem Anschluffe der Gesammtheit zu spenden wie von ihr zu empfangen. Ausdrücke des Dankes, daß Gott abgesondert Israel von den Völkern, daß er — wie es in der üblichen Form des״'Alenu" lautet — ״uns nicht gemacht wie die Völker der Länder, nicht gesetzt wie die Stämme des Erdbodens, nicht unfern Antheil gesetzt wie den jener, unser Loos wie das ihrer Menge", diese und ähnliche Ausdrücke widerstreben unserer ganzen Empfindung, geben Zur Verkennung unserer ganzen Aufgabe Veranlassung. Im etwaigen Hinblicke auf die Vergangenheit find sie überflüssig, aus die Gegenwart bezogen, zu welcher Deutung sie dem ganzen Zusammenhänge nach verleiten, werden sie zu dünkel- Hafter Selbstgefälligkeit. Wir wollen wahrlich unsere Eigenthümlichkeit nicht verläugnen, wir wollen den trefflichen Geistesboden, auf dem wir wurzeln, festhalten und sorgsam Pflegen, aber wir dürfen ebensowenig verkennen, daß es dieser Pflege ernstlich bedarf, daß der Boden von den wuchernden Schlingpflanzen gereinigt werden muß, wie andererseits daß auch die übrige Menschheit nicht umsonst gerungen, ihr Mühen nicht ein eitles gewesen. Vereint mit ihr, ein jeder Theil nach seinem Erbe, nach seiner Begabung, Wollen wir die Wahrheit fördern, lehren und lernen, freudig geben und empfänglich' annehmen, aber nicht abseiten stehn in geringschätzendem Hochmuthe, und sei dieser auch nicht beabsichtigt, so doch sich unwillkürlich einschleichend. Wozu jene immerwährende Wiederholung der Phrase: ״der uns erwählt hat aus allen Völkern" oder gar ״uns erhoben über alle Sprachen", was soll dieses eitle Selbstrühmen, und gälte es blos als einleitend zum dafür schuldigen Danke? Sprechen wir immerhin es aus: der uns erwählt hat, erkennen wir den Beruf, den die Weltgeschichte uns aufgetragen