Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 6 (1868)
- Issue
- 1 (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2420973-2420992-2420993--1630-2422633- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
18 I. Unser Gottesdienst. Voll die Erde werde der Erkenntniß Gottes, ein großes Heiligthum, und daß an jedemOrte wo wir Gott Preisen, Er zu uns kommen und uns segnen werde. Keine lügnerische Bitte um Wiederherstellung eines jüdischen Staates, um Sammlung der Zerstreuten nach dem fernen Winkel des Ostens überschreite die Pforten unserer Lippen, auch die Klage um die dahingeschwundene alte Herrlichkeit schweige! Diese Aenderung ist auch meistens in den erneuten Gebetordnungen vorgenommen worden, und mit vollem Rechte. Der Zwiespalt zwischen der Wirklichkeit, nicht blos der Zustände, sondern auch der Empfindung, und den zu flacher Sentimentalität herabgesunkenen ehedem romantisch genährten phantastischen Gebilden muß getilgt werden. Jerusalem bleibt uns der heilige Quell, aus dem in der Vergangenheit die Lehre der Wahrheit entsprang, der Quell ist nun zum mächtigen Strome geworden, welcher befruchtend sich über die ganze Erde ergießt. Der gegenwärtige Trümmer- Haufe Jerusalem ist für uns höchstens eine poetische wehmüthige Erinnerung, keine Geistesnahrung; keine Erhebung, keine Hoffnung knüpft sich an ihn. ״Von Zion ist die Lehre ausgegangen, und das Wort Gottes von Jerusalem" mag froh von uns verkündet werden, und bei dem wandelbaren Ausdrucke, welchen die Zeit- Vorstellungen im Hebräischen ertragen, bedeutet das Schriftwort für uns nicht buchstäblich, die Lehre werde von dort ausgehen, sondern sie gehe aus, sei von dort ausgegangen. Jerusalem ist uns ein Gedanke, keine räumlich begränzte Stätte. Wo der Wortsinn der Gebete jedoch das Mißverständniß aufkommen läßt, daß dem Orte unsere Huldigung dargebracht wird, da muß ein solches beseitigt werden. Anders verhält es sich mit Israels Stellung und Beruf. Wir müßten aufhören Juden zu sein, wenn wir glauben sollten, unsere weltgeschichtliche Mission sei zu Ende, wenn wir dem Gedanken Raum gäben, die uns gestellte Aufgabe sei längst vollzogen, unsere Sonderstellung als Glaubensgenossenschaft sei blos ein Erbe aus der Vergangenheit, nicht ein noch fortdauerndes Zusammenhalten zu eigenthümlichem gemeinsamem Heilswirken in Gegen- Wart und Zukunft. Nein, unsere Aufgabe ist noch nicht erfüllt, unsere Tage sind nicht abgelaufen; noch sind wir die Zeugen der Gotteseinheit, der aus sich heraus zur Reinheit emporstrebenden Menschennatur, der Völkerverbrüderung in Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe, Zeugen für die ganze Menschheit, die bald durch das