Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 6 (1868)
- Issue
- 1 (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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I. Unser Gottesdienst. 9 die dann wieder zur festen Norm wurde und so die Gebetsammlung immer mehr anschwellte. Schon im Mittelalter fühlten sich die Gemeinden dadurch beengt und kürzten an manchen Stellen ab. Der Mißstand ist für unsere Zeit aber viel fühlbarer. Wir legen nicht den Nachdruck auf eine gewisse Anzahl von Gebeten, die als pflichtgemäß gesprochen werden müssen, nicht auf die Masse, mit der wir den Himmel bedrängen, sondern auf die andächtige Gesinnung, die sie erwecken, mit der wir sie begleiten, eine Anforderung, die zwar theoretisch von den Alten anerkannt und ausgestellt, die aber für die Praxis immer weniger befolgt wurde. Die lange Dauer des Gottesdienstes nimmt daher nicht blos mehr als die ihm zuzumessende Zeit weg, sie entzieht ihm noch ein Wesentlicheres, die Andacht. Ja, die Dauer des Gottesdienstes müßte unter uns noch zunehmen, wenn allen neuen Bedürfnissen genügt würde, ohne daß das Hergebrachte verkürzt würde. Die größere Beachtung, welcher unter uns die ästhetische Form des Gottesdienstes sich erfreut: regelmäßiger Gesang, Orgelbegleitung — Anforderungen, deren Berechtigung heutigen Tages zu erörtern überflüssig ist —, der Hinzutritt von Bestandtheilen in der Muttersprache erweitern die Zeitdauer noch mehr. Es müssen eigentlich mit Ausnahme eines kleinen Stammes, wie des Schema (des Bekenntnisses von der Gotteseinheit), der Keduschah (der Anerkennung von der Heiligkeit Gottes), die übrigen Gebete den Charakter der typischen, d. h. der jedesmal in voller Anzahl zu wiederholenden, verlieren, sie müssen abwechselnd gesprochen werden, sie gewinnen auch an Eindringlichkeit, die Betrachtung wird lebhafter angeregt, die Versenkung in sie sicherer ermöglicht, wenn sie nicht wegen der beständigen Wiederholung unbewußt den Lippen entgleiten. Diese Einrichtung wäre offenbar die zweckmäßigste, indem sie nicht blos dem von Außen drohenden Mebelstande der überlangen Dauer, sondern auch dem innern, der das Gebet zur Gewohnheitsfache entwürdigt, abhelfen würde. Auch hier jedoch wird Schonung verlangt und gewährt werden müssen. Die Besucher des Gottesdienstes werden manches Stück nicht entbehren können, sie werden das Charakteristische der Gebetübung vermissen, wenn sie gewisse Bestandtheile nicht jedes Mal wieder vernehmen. So sehr der Gedanke der Abwechslung festgehalten werden muß und die Noth- Wendigkeit der Abkürzung drängt, so wird dennoch auch hier ein Compromiß geboten und statthaft sein, und ein allmäliges,