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Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1868-01-01 · 1 (1868) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
6 (1868)
Issue
1 (1868)
Date
1868-01-01
Page
Seite 6 (sequence 7)
Language
German
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6 I. Unser Gottesdienst. ein *), und auch an änderssprachlichen Zuthaten fehlte es zu Zeiten nicht. Allein im Ganzen und Großen mußte derselbe ein hebräischer bleiben; er war eine nationale Institution, gerettet aus der Vergangenheit für eine Zukunft, die dieselbe vollkommen wieder herstellen sollte, und für die die ganze Gegenwart blos ein Uebergangsstadium bilden durfte, so daß Alles treu bewahrt werden mußte, um diese mit heißer Sehnsucht erwartete Zukunft alsbald inauguriren zu können. Wir ehren diese tiefe Sehnsucht unserer Vorfahren, welche in der Leidensschule ihre verklärende Weihe erhielt und als feste Zuversicht reichen Trost spendete. Allein wir sind unsererseits mit hohem Danke erfüllt, daß wir diese Romantik des Schmerzes überwunden haben, daß wir aus ihr in die wahrhaftere Poesie des wirklichen Lebens, der Betheiligung an allen ernsten und edlen Bestrebungen der unmittelbaren Gegenwart einzuziehen im Stande sind. Diesen Umschwung der Verhältnisse und der Gesinnung hat die mächtige Bewegung der ganzen neueren Weltgeschichte bewirkt, aber auch wir haben ernstlich, hingebend daran mitgearbeitet, wir haben den Kampf dafür nicht gescheut und entziehen uns ihm nicht, wo es noch heute gilt ihn aufzunehmen. Wir sind aus dem Traumleben einer nationalen Vergangenheit und Zukunft in die wahre Gegenwart eingetreten, die Religion löst sich von den Fesseln ab, mit denen jenes Traumleben sie umschlungen hatte; auch die nationale Hülle des Gottesdienstes wird bedeutungslos, ja störend, sie muß sinken, wenn sie nicht die neu erstarkende Gesinnung trüben soll. Bei aller Ehrerbietung für unsere Vergangenheit, bei aller warmen Anhänglichkeit an dem geistigen Erbe, welches sie uns überliefert, wollen, dürfen wir nicht das nationale Gewand erhalten, in welchem sie aufgetreten, auftreten mußte; es ist unsere religiöse Pflicht, dasselbe abzustreifen, unsere Religion entkleidet der beengenden nationalen Schranken in ihrer weltumfassenden Wahrheit zur Erscheinung zu bringen. Nicht 1) Bekanntlich ist das Kaddisch in chaldäischer Sprache verfaßt, wird die Keduschah in dem mit ובא לציון beginnenden Gebetstücke chaldäisch wiederholt, was beiznbehalten gegenwärtig gar keine Veranlassung ist; ebenso sind mehrere Selichoth chaldäisch abgefaßt. Dem entgegen sagen ältere Lehrer mit aller Entschiedenheit: אל ישאל אדם צלליו בלעוון אלבלי, man spreche seine Bitte nicht in aramäischer Sprache, und wie ein Anderer sägt, daß wer Dies dennoch thue, der Mithülfe der dienenden Engel nicht gewärtig sein dürfe, weil diese kein Aramäisch verstehn! (Schabbath 12 d.)

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