Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 5 (1867)
- Issue
- 2-3 (1867)
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 232 (sequence 152)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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232 Aus Briefen. eine instinctive Angst davor, und mit aller Rohheit und Leidenschaftlichkeit griffen sie das ganze jüdische Schristthmn an. Aus demselben Grunde waren Reuchlin und die Seinen dessen warme Vertheidiger. So ist der Thalmud, sür Reuchlin eins mit der Kabbalah, und das ganze jüd. Schriftthum ein wichtiges Moment in dem Humanistenstreite; durch die Verschwommenheit der Darstellung kommt dieses Moment bei Gr. nicht zu seiner berechtigten Geltung. G.j 2. Auch die Geschichte der Inquisition ist von falschen Gesichtspunkten getragen. Abgesehen davon, daß Hr. Gr. für einen großen Theil seiner Darstellung als untrügliche Quelle ein Trostgedicht Samuel Usque's benutzt — ähnlich wäre es, wenn ein späterer Geschichtsschreiber unserer Tage nach George Hesekiel's Liedern in der Kreuzzeitung eine Beschreibung des Krieges versuchen würde —, abgesehen ferner von den massenhaften Unrichtigkeiten im Einzelnen, preßt Hrn. Gr. jeder getödtete Maranne ein solches Herzweh ab, daß man ordentlich mit ihm weinen könnte. Es fällt mir nicht ein, die rohe und grausame Verfolgung nur im Entferntesten zu billigen, die diese Unglücklichen getroffen, die Nichtachtung der Versprechen, die ihnen gemacht worden, zu rechtfertigen. Aber Eines muß man bedenken. Ihr Geschick haben die Marannen sich selbst bereitet. Sie haben in Portugal — und darum handelt es sich nur — das Beispiel der spanischen Juden vor Augen gehabt und konnten sich retten. Aber sie haben es nicht gethan, ihre Schätze waren ihnen lieber als ihr Glauben. Ich finde nichts Großartiges darin, äußerlich einem Glauben mit vollster Inbrunst zugethan zu sein, das Kreuz küssen und vor ihm niederfallen, und dann in's stille Kämmerlein gehen und den einigen Gott um Verzeihung bitten. Entweder — oder, Körper oder Geist. Dieses halbe Hangen an diesem und jenem ist der Bewunderung durchaus nicht würdig; die historische Betrachtungsweise erträgt es nicht, wie es Hr. G. thut, bei den Juden Alles schön, lobenswerth und nachahmungswürdig zu finden, die Gegner aber stets als Scheusale und Nichtswürdige zu brandmarken. fDie Uebertreibungen und Unrichtigkeiten bei der Gr.'schen Darstellung der Inquisition und der Beurtheilung der Marannen sind gewiß zuzugeben; doch muß man sich in Beziehung auf die letzteren auch vor Ausschreitungen nach der andern Seite hin hüten. Man kann gut von sicherem Hafen aus ein moralischer Rigorist sein. Die spanisch-portugiesischen Juden waren eben durch und durch