Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 5 (1867)
- Issue
- 2-3 (1867)
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 231 (sequence 151)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Aus Briefen. 231 Aus einem Briefe, G. Ende Dec. Ich habe jetzt den neunten Band von Grätz' Geschichte der Juden von Anfang bis zu Ende durchgearbeitet und einige von den einschlägigen Quellen selbst verglichen. Da stoßen mir doch gewal- Lige Bedenken auf: 1. Die Reuchlin'sche Fehde bildet ein wichtiges Glied der ganzen reformatorischen Bewegung des 16. Jahrhunderts. Der Kampf der Wissenschaft mit der Verknöcherung und Verdummung gährte schon lange, war zu gut vorbereitet und von allen Seiten angefacht, als daß er nicht balo hätte zum Ausbruch kommen müssen. Der Thalmud ist hierbei völlige Nebensache, die Juden bilden wohl zuerst ein Object des Streites, verschwinden aber sehr bald daraus; um was es sich handelt, ist der Kampf des Mönchthums mit dem frei sich entwickelnden Geiste. Gr. dreht die Sache um. Weil, sagt er — ich recapitulire nur seinen Gedankengang — der Thalmud verbrannt werden sollte, ergriff Reuchlin und seine ganze Genossenschaft der heilige Kampfeseifer, weil die Juden Vertrieben werden und ihnen Unrecht geschehen sollte, erhoben sich die Humanisten wie ein Mann. Der Streit über den Thalmud — so lesen wir Wohl ein Dutzendmal bei Gr. — war die nothwendige Vorbedingung zur Reformation, ohne die sie gar nicht hätte entstehen können. Man darf den Satz nur nackt herausheben, um seine Grundlosigkeit zu erkennen. sDie breite Darstellung über Reuchlin's Händel mit den Dunkelmännern ist bei Gr. allerdings schief; der HumanistenstreiL und die Reformation haben ihren Antrieb nicht in der verschiedenen Schätzung des Thalmud. Allein verkannt darf nicht werden, daß es dem Mittelalter nur dadurch gelang, sich aus seiner Versumpfung herauszuarbeiten, indem es sich mit aller Macht an Hellenen- und Judenthum anlehnt; der Geist befreit sich aus der Dürre und Enge, in die er hineingerathen, indem er sich wieder aus diesen ewigen Quellen zu erfrischen sucht. Eine Vereinigung beider und zugleich eine Versöhnung mit dem Christenthum glaubten Reuchlin und seine Genossen in der Kabbalah zu finden, die sie übermäßig schätzten und für die sie mit glühendem Eifer eintraten. Die Mönche und sämmtliche Finsterlinge witterten die Gefahr, welche ihnen bei dem Zurückgehen auf die Quellen drohte, das Anlehnen an eine mystische jüdische Wissenschaft, die ihnen fremd war, war ihnen verdächtig, ihre Unwissenheit hatte