Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 5 (1867)
- Issue
- 2-3 (1867)
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 139 (sequence 59)
- Language
- German
- Belongs to
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V. Ein althochdeutsches Schlummerlied. 139 ältere, die sogen, assyrische Punktation, welche die Vocale über die Buchstaben setzt; allein dort ist auch die Form der Vocale von der unter uns üblichen abweichend, aber kein Beispiel ist bekannt, daß die nach unserer Form gestalteten Vocalzeichen je über die Buchstaben gesetzt worden, und in Deutschland war überhaupt die assyrische Punctation nie üblich. Woher demnach auf unserm Pergamentstreifen diese ganz anormale Erscheinung? Es ist mir hier vorzugsweise darum zu thun, die allgemeine Aufmerksamkeit auf dieses viele Räthsel in sich bergende Document zu lenken; eine genügende Erklärung vermag ich nicht zu geben. Doch mag eine Vermuthung nicht unausgesprochen bleiben und der sorgfältigen Erwägung übergeben werden. Die Wochenstube der Wöchnerin und ihres neugeborenen Kindes war insbesondere die Stätte, wo Hebamme, Warlefrau und Amme sich mit professionirten Wundertätern, Gelehrten und Kabbalisten verbanden, um ihre Werke des Aberglaubens in gehäuftem Maße auszuführen. Das junge Kind vor dem Schwerte des Würgengels, der Entführung der bösen Lilith, dem Drucke der Alpe, den Tücken der Dämonen u. s. w. zu bewahren, wurde das ganze Zimmer mit den hirnlosesten Beschwörungsformeln und Amuletten angefüllt. Der Aberglaube war, wie schon bei einer andern Gelegenheit (dieseZtschr. Bd.I S.193) bemerkt worden, nicht wählerisch; auch der jüdische mittelalterliche Talismanglaube nahm mit ungemessener Willkür anderswoher den Wahn auf, nahm z. B. keinen Anstand, gegen jedes Fieber ein Pergament- oder Zinnblättchen zu empfehlen, auf dem die Namen der ״heiligen drei Könige": Balthasar, Melchior und Caspar verzeichnet seien, welches an den Kopf, an die Thefillinstelle gelegt werden solle. Es darf uns daher nicht Wundern, wenn man auch zum Schutze des Kindes ein heidnisches Schlummerlied aufnahm, das hebraisirt und judaisirt wurde durch hebräische Vocalzeichen, durch einzelne, an die deutschen Götternamen anklingende hebräische Eigennamen, durch andere hebräische Worte, die der unwissende Aberglaube ganz beliebig wählte, und bei denen, um, wie bei solchen Dingen zu geschehen Pflegte, das Aussehen fremdartig und wunderbar zu machen, die Punkte oben gesetzt wurden. Uebrigens sollten Wohl die beiden ersten Worte, wenn auch riwp punktirt ist, ursprünglich ןןשת רדח> lauten, also nach 1 Sam. 1, 15 eine um Kinder ängstliche Mutter bezeichnen. Diese Worte,