Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 5 (1867)
- Issue
- 2-3 (1867)
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 137 (sequence 57)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2420973-2420997-2420999--1425-2422509- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
V. Ein althochdeutsches Schlummerlied. 137 dem unteren Rande beigesetzten Zeilen unseres Schlummerliedes. In jener Zeit aber ließ sich Wohl kein anderes Individuum deutscher Nation Unterricht im Hebräischen ertheilen, als ein dem Priesterlichen Stande angehörendes. Aehnliche Fälle weist Z. nach. Daß eine jüdische Hand die althochdeutschen Zeilen geschrieben, zeigen jedenfalls die Schriftzüge unwiderleglich. Es ergiebt sich nämlich bei genauer Untersuchung des Originales, daß sein u aus zwei und das m aus drei hinter einander gestellten *ר gebildet ist; ferner schlängelt sich das 2 zu einem hebräischen 7; ferner verräth die Gewöhnung, den Kopf des Langstrichs der Hochbuchstaben, wie hier z. B. den des d, h, 1, nach links zu neigen, eine jüdische Schreiberhand; ferner spricht dafür die Bezeichnung der Vocale durch hebräische Vocalzeichen; endlich die erklärende hebräische Beifügung von Dodi unter Tocha, Esther unter Ostra und Zipora unter Zan־ fana, wozu der Schreiber lediglich ohne Verständniß durch die Klangähnlichkeit verleitet worden ist. Daß also ein jüdischer Gelehrter das Lied niedergeschrieben hat, ist unzweifelhaft; ob er es nur gehört oder einer schriftlichen Vorlage entnommen hat, wagen wir nicht zu entscheiden. Wir glauben jedoch, daß ein jüdischer Lehrer das Lied nicht nach oberflächlichem Hören, sondern mit sorgfältiger Beachtung der Schreibweise ausgezeichnet hat. Daß die Bedeutung der Götternamen ihm fremd gewesen, darf uns nicht Wundern; ein christlicher Schreiber würde sie wohl in jener Zeit noch gekannt haben; ob ein solcher aber das Lied ausgezeichnet hätte, ist sehr zu bezweifeln, ein Geistlicher gewiß nicht, und Andere waren kaum schriftkundig. So hat eine jüdische Hand uns dieses Denkmal altdeutscher heidnischer Dichtung aufbewahrt." So weit Herr Kletke. Das Thatsächliche ist feststehend; wir haben hier ein altdeutsches Schlummerlied mit Anrufung heidnischer Gottheiten vor uns, das ein Jude abgeschrieben hat, indem manche Voeale durch hebräische Vocalzeichen ersetzt werden, hebräische Wörter und Bruchstücke aus hebräischen Bibelversen oben, auf der Rückseite und selbst in Mitten der Zeilen angebracht sind. Aber sehr unsicher bleibt der Zweck, zu welchem diese Abschrift angefertigt worden, und ganz unklar sind die Vorstellungen darüber, wie die seltsame Vermischung des Altdeutsch-Heidnischen mit Biblischhebräischem zu erklären sei. Die Herren Zappert und Kletke gehen von der Voraussetzung aus, daß der erhaltene Pergamentstreifen ein Fragment eines größeren Werkes sei. Ob die Beschaffenheit des Strei-