Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 5 (1867)
- Issue
- 1 (1867)
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 47 (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Faustsage. 47 3. Die Faustsage. Diese Sage, die in Europa, namentlich Deutschland, in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts auftauchte, war bei den Juden mindestens 1200 Jahre früher bekannt. Die beiden Talmude erzählen: Elisa ben Abuja, später Acher genannt, ein sehr gelehrter Rabbi, sei so weit in die höhern Mysterien eingedrungen, daß er selbst in den Pardes (eine Bezeichnung für die höchste Stufe dieser Mysterien) eintrat und die Geheimnisse der unsichtbaren Welt zum Theil erkannte. Doch machte er auf diesem heikligen Gebiete eine Wahrnehmung, vor der fein Verstand verwirrt stehen blieb. Eine höhere Stimme sagte ihm, er habe nichts von dem seligen Leben zu erwarten, worauf die Frommen hoffen, und er beschloß daher, sich nunmehr der Sinnenlust zu ergeben, was er auch bald gethan. Er ließ sich mit leichtfertigen Dirnen ein, entweihte den Sabbat und richtete seinen ganzen Sinn auf das practische materielle Leben: er überredete die Jünglinge, die sich dem Studium der Wissenschaften hingegeben hatten, dasselbe zu verlassen und lieber ein Handwerk zu lernen. Er starb als unbekehrter Sünder, begleitet vorn Fluche seiner Zeitgenossen, und sein Name und sein Schicksal blieb zurück als Warnung für diejenigen, die mit ihrem menschlich beschränkten Verstand weiter dringen wollen, als möglich ist. Blanche wollen zwar in Acher einen zum Christenthum übergangenen Rabbi erkennen; dafür giebt die Sage aber nur zu schwache Anhaltspunkte, während sie gewichtige Momente enthält, die einer solchen Auffassung widersprechen: so sein Verzichten auf das jenseitige Leben und seine Hinneigung zu den sinnlichen Genüssen re. Bei den Christen tauchte die Faustsage im 16. Jahrhunderte auf und trägt ganz das Gepräge der zu jener Zeit in der christlichen Welt herrschenden Anschauungen; er ist ein Zauberer und mit dem Teufel verbunden, von dem er dann geholt wird. Sein Urbild wurde entstellt und erst Goethe fand es merkwürdigerweise heraus und machte es zu einer dramatischen Gestalt erster Größe. Es läßt sich Wohl nicht mit Bestimmtheit behaupten, doch aber mit Recht vermuthen, daß die deutsche Faustsage eine absichtliche Umarbeitung der jüdischen Acher-Sage sei. Ort und Zeit