Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 5 (1867)
- Issue
- 1 (1867)
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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8 1. Salonion Munk. Seit zu patriotischen Tugenden um, gebe für Alles, was sonst Sünde heißt, Absolution, — dieser unselige Glaube, dessen traurige Folgen sich bis in die neueste Zeit hinein geltend machen, war auch der Urheber dieser Verleugnung alles Wahrheitsgefühles und aller billigen Denkungsart. Zu allen Zeiten hat sich nämlich Frankreich als den Schirmherrn der römisch-katholischen Bevölkerung im Osten betrachtet, auf diesen Titel basirte es seinen Einfluß in jenen Gegenden, sein Eingreifen in deren Geschicke. Je schwächer das Türkenreich, je stärker und bedrohlicher Rußland wurde, mit um so größerer Eifersucht wachte Frankreich über diese seine Berechtigung. Die Abtrennung Griechenlands und seine selbstständige Gestaltung, zu deren Begünstigung und Anerkennung die lauernde bedenkliche Diplomatie durch die aufflammende Begeisterung Wider ihren Willen gedrängt worden, verschärfte diese Eifersucht noch mehr; der überwiegende Einfluß der griechisch-katholischen Bevölkerung erhöhte auch den Rußlands und eröffnete ihm größere Aussichten zur Erlangung des Löwenantheils bei dem Zerfalle des türkischen Reiches, zur Beherrschung des schwarzen Meeres. Man hat später zur Abwendung dieser Gefahr blutige Kriege nicht gescheut, und erst in neuester Zeit scheint wiederum die ״Staatsraison" einen Umschwung zu gebieten: die Mißgunst gegen Preußens Erstarkung scheint Frankreich zu veranlassen, daß es die Spannung mit Rußland auflöse in eine gemeinschaftliche Beschwichtigung der orientalischen Frage, selbst auf Kosten der bisher beschützten Türkei und auf die Gefahr hin, dem griechischen Elemente einen Zuwachs an Stärkung zu geben. Damals, im Anfänge des fünften Jahrzehents, aber wie noch lange später, hielt man es für Frankreichs Aufgabe, das dortige lateinische Element mit allen Mitteln zu schützen, und das kleine Ereigniß vom Verschwinden des Pater Thomas war eine Angelegenheit der römisch-katholischen Bevölkerung, deren sich Frankreich annehmen zu müssen glaubte, und sie ward auf die kleinlichst raffinirte Weise ausgenutzt. Ein Schrei der tiefsten Entrüstung ging durch die ganze gebildete Judenheit Europas. Die jüdische Bevölkerung Frankreichs, an sich mehr centralisirt, mehr thätig an den öffentlichen Angelegenheiten betheiligt, und daher befähigter eine Vertretung zu übernehmen, fühlte sich um so mehr dazu berufen, nicht blos das Wort für die gesummten Glaubensgenossen zu ergreifen, sondern auch die Hand an die giftige Wurzel zu legen,