Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 4 (1866)
- Issue
- 4 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 311 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Umschau. 311 Berth old Auerbach. Nach schweren Tagen ist es besonders wohlthuend, wieder alte bewährte Freunde zu'begrüßen, in deren traulicher Unter- Haltung man sich von dem Bedrückenden der eignen schmerzlichen Empfindung erlöst. Auch da wo man in seinem Urtheile nicht ganz übereinstimmt, erweitert sich doch die Gesinnung; die Freunde lassen sich gegenseitig gelten, und indem sie dadurch ihre Befangenheit überwinden, fühlen sie sich befreit und gehoben. So haben sicherlich viele im deutschen Vaterlande ״Berthold Auerbachs Volkskalender für 1867" als einen alten Freund froh begrüßt, theilnehmend, hie und da Wohl auch ein Bedenken entgegenstellend und dennoch mit Befriedigung seine Aussprüche verfolgt. Aus dem Tiefsten der Zeitempfindung entsprossen, daher auch des größten Anklangs sicher ist offenbar der Schluß: ״Holl über! Eine Juligeschichte vom Rhein". Diese Juligeschichte ist die Herzensgeschichte unser Aller, sie ist die Erzählung von den Schlachten, die wir Alle im Geiste gekämpft haben — und noch kämpfen und die tiefere klaffendere Wunden im Gemüthe zurücklaffen als so manche auf dem Schlachtfelde, sie malt die Verzweiflung an den edlen Zielen, den Jammer darüber, daß wir uns an Erfolgen, die wir heiß ersehnt, nicht voll erfreuen können, weil ihr Ausgangspunkt, ihre Mittel, die Idee, von der sie getragen werden, unser Rechtsgefühl verletzen, unsere Freiheitsideale als werthlose Schwärmerei verächtlich behandeln, weil unsere Hoffnungen auf den Sieg des Geistes und der Bildung, in dessen Besitze wir uns schon zu befinden wähnten, der nüchternen Lehre von dem Rechte der Gewalt und Eroberung Weichen mußten. Sie führt den Widerspruch in dem Einzelnen lebhaft vor, der so große Opfer zu bringen hatte, ohne selbst im Bewußtsein dafür einen Ersatz zu finden: ״Hunderttausende, die jetzt kämpfen, sind mit Widerstreben ausgezogen, und Zahllose, die ihr Herzblut gern dem Vaterlande widmen wollten, mußten daneben stehen, weil kein begeisternder Gedanke, klar und fest von Anfang an kundgegeben, sie mit fortriß." Daß dieses Alles in sinniger, gemüthvoller Weise ausgesprochen wird, in dem schlichten Einzelleben als Thatsache hervortritt, ist schon beruhigend, noch beruhigender, daß es mit Kraft getragen und durch unverdrossene Arbeit besiegt wird; soweit es in Mitten der noch ungelösten Ver- Wirrung möglich ist, wird auch durch höhere Betrachtung der