Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 3 (1864-1865)
- Issue
- 4
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 257 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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I. Was thut Noth? 257 an's Lächerliche streifenden Formalitäten bei diesen Vorgängen reden, sie können überwunden, mit mühsamem Ernste ertragen werden. Aber als unbesiegbar erscheint in unfern Tagen der leichten Ortsveränderung das Verlangen, daß der Mann persönlich der Frau den Scheidebrief überreiche, daß der Schwager persönlich und freiwillig den Aet der Chalizah durch die Wittwe vornehmen lasse. Man hatte schon in früherer Zeit die Härten dieser Vorschriften zu mildern gesucht; sie bedürfen in unfern Tagen weit größerer Erleichterung, und diese kann zwar nach Anleitung und mit Zustimmung der ausführenden Rabbiner, aber dennoch nur aus dem Volkswillen hervorgehen, dem die Gelegenheit zur selbstständigen Aussprache gegeben werden muß. Und ist es mit gottesdienstlichen, mit so vielen andern gesetzlich bestehenden Formen anders? Sie sind in Erstarrung gerathen, nicht weil alle sich ausgetebt haben, sondern weil die Neubelebung fehlt, die zeitgemäße Gestaltung nicht unternommen wird, und diese unterbleibt, weil das berechtigte Organ sie nicht ausspricht. Denn nicht bei den Rabbinern, auch nicht bei den Vorständen , allein, mögen sie immerhin vorzugsweise gehört werden, beruht die schließliche Entscheidung, sondern sie kann nur von der Erkenntniß und religiösen Empfindung der Gesammtheit erfolgen. So tauchen Tag für Tag Fragen auf, die immer blos zurückgeschoben werden, deren Beantwortung nicht vorwärts rückt, und die daher als ungelöst die größte Verwirrung erzeugen, der Religion ihren heilsamen Einfluß mehr und mehr entziehen. Die einzelne Gewöhnheit, die abergläubische Furcht bleiben mit der Zeit der schale Ueberrest; die lebendige Gesinnung, die erkenntnißkräftige Treue schwindet dahin Nur durch vereinte Bemühungen gelingt es, diesem Hebel zu steuern, nur die allgemeine Betheiligung, die gegenseitige Belehrung und Kräftigung kann diesem Versumpfen wehren. Das ist der Grundgedanke des ״Vereins für allgemeine Angelegenheiten des Judenthums^, das sind seine praktischen Zwecke, die bei jeder Versammlung klarer und bestimmter hervortreten, an jedem Orte und in jedem Kreise in lebendiger Mannichfaltigkeit sich gestalten werden. Wer das Bedürfniß nach Neubelebung fühlt, wer die Nothwendigkeit erkennt, selbst klarer zu werden in diesem großen Gebiete von brennenden Fragen und Klarheit zu verbreiten, der schließe diesem Vereine sich an und veranlasse zum Anschlüsse! Man mäkle nicht über einzelne Zwecke und Bestimmungen, man fasse die Aufgabe in ihrer Gesammtheit; das Einzelne wird sich aus dem lebendigen Wirken dann