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Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1866-01-01 · 2 (1866) · p. Seite 95

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Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
4 (1866)
Issue
2 (1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 95 (sequence 15)
Language
German
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I. Zur gegenwärtigen Lage. 95 Städte waren und sind die Stätten einer fortgeschrittenen Bildung, und diese suchten sie in ihren Institutionen auszuprägen; die nun in großem Maße neu hinzukommenden Bestandtheile bringen meistens ihre engen hemmenden Anschauungen mit und verhindern nicht blos die weitere Entfaltung, sondern treiben vielfach zurück. Die kleineren Gemeinden aber entleeren sich, schrumpfen zusammen und büßen so die gesunde Lebenskraft, welche allein die Entwickelungsfähigkeit verleiht, gänzlich ein, verhärten sich somit immer mehr in der Bewegung unzugänglichen Zuständen. Diese Verhältnisse sind allerdings vorübergehend; so bald sich die ersten Wirkungen der plötzlichen Umgestaltung in den gesetzlichen Bestimmungen gelegt haben und einem natürlichen Verlaufe Platz machen, werden sie gerade wieder ihre wohlthätigen Erfolge ausweisen, die großen Städte, als Mittelpunkte der geistigen Bewegung, als Führer in jedem zeitgemäßen Streben, werden ihren gerechten und unfehlbaren Einfluß auf die Gesammtheit erlangen. Allein für den Augenblick müssen auch in ihnen Erscheinungen des Stillstandes, ja des Rückschrittes sich zeigen, die nur dem auffallend sind, welcher die Ereignisse der Zeit oberflächlich betrachtet. Wenn allen diesen, eine üppige Blüthe der Neu-Orthodoxie verheißenden Umständen zum Trotze dieselbe doch nicht in dem erwarteten Maße gedeiht, so liegt Dies darin, daß sie, der kleine Bruchtheil der verhältnißmäßig kleinen Judenheit, doch mit dem Gesammtleben der Zeit in gar zu grellem Widerspruche steht. Die Geschmacksrichtung der falschen Scheitel will doch einmal den Frauen und ihren Männern nicht Zusagen; die optische Täuschung der dünnen Drähte, welche Mauern vorstellen sollen, ist doch den geschärften Sinnen etwas gar zu mikroskopisch angelegt. Was von solchen und ähnlichen Lächerlichkeiten gilt, das macht sich in der geistigen Fluctuation noch mehr bemerklich. Wenn auch Unwissenheit und geistige Stumpfheit erhalten werden kann, so kann die Wissenschaft doch nicht von solchen Impotenzen gelenkt werden. Während die alte Orthodoxie auf ihrem Gebiete einer gewissen wissenschaftlichen Productivität,nicht entbehrte, den Thalmud beherrschte und bearbeitete, selbst die Bibel von ihrem Standpunkte aus behandelte, so vermag die Neu-Orthodoxie auch nicht eine einzige geistige Schöpfung aufzuweisen, sie leidet an einer erschreckenden Unfruchtbarkeit. Sie macht höchstens jenes welke Blättergeräusch der Waldbäume, sie schmäht und verdammt, ohne es zu einem in

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