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Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1866-01-01 · 2 (1866) · p. Seite 94

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Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
4 (1866)
Issue
2 (1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 94 (sequence 14)
Language
German
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94 I. Zur gegenwärtigen Lage. So lächelt man, wo man seine Entrüstung aussprechen sollte, wendet sich theilnahmlos ab, wo man eifrig abwehren, duldet Uebergriffe, wo man bekämpfen sollte, ja unterstützt gar im Interesse der Ge- Wissensfreiheit Bestrebungen, die man, um das eigene Gewissen zu wahren, weit abweisen müßte. Solche Schlaffheit benutzt die kleine Reactionspartei, die auf Agitation angewiesen ist, sehr sorgsam, und so zählt sie selbst Männer unter ihren Förderern, die innerlich ihr völlig fern stehen und deren Hülfe sie doch mit Freuden benützt. — Nicht minder ist die Richtung im gesummten Staatsleben diesen zeitwidrigen Bestrebungen förderlich. Abgesehen davon, ob in manchen tonangebenden Kreisen überhaupt ein Reactionsgelüste sich solchen Unternehmungen verwandt fühlen mag, enthält sich der Staat jedenfals nicht blos einer jeden eingreifenden Thätigkeit der Gestaltung des Judenthums gegenüber — was wir als einen hohen nicht dankbar genug anzuerkennenden Segen betrachten —, sondern er glaubt auch mit einer gewissen Weitherzigkeit, um jeden Schein von Gewissenszwang zu meiden, zuweilen einer andringenden Minorität Rechte einräumen zu müssen, die aller Gerechtigkeit widersprechen, und darauf gestützt, verfolgt dieselbe ihre wühlerische Thätigkeit unablässig. Und nun vergesse man nicht einen Umstand, der für eine Zeit lang auf die Gestaltung der Gemeinden von sehr großem Einflüsse ist. Eine glückliche Folge der neuen Lage der Juden ist, daß alle jene früheren Absperrungen der Orte und Staaten gegen einander, welche gerade in Beziehung auf sie angeordnet waren, gefallen sind. Es ist selbstverständlich, daß die Anziehungskraft, welche größere Städte, gebildetere Gegenden ausüben, bei den Juden nun, da sie ihnen geöffnet sind, mit verdoppelter Kraft wirkt. Sie holen nun rasch nach, was ihnen früher untersagt war; lange Jahrhunderte von dem Besitze und der Bearbeitung des Bodens fern gehalten, dem beweglicheren Handelsstande angehörig, sind sie leichtgeschürzt zum Wandern und werden umsomehr von den großen Städten, von den durch Bildung blühenderen Ländern, die ihrer Thätigkeit einen weiteren Spielraum eröffnen, angezogen. Durch diese zahlreiche Uebersiedelung verändern alle jüdischen Gemeinden ihren bisherigen Charakter, und für einige Zeit sicherlich nicht zu ihrem Vortheile. In den großen Städten, deren jüdische Bevölkerung plötzlich so mächtig anwächst, wird der bisherige Ent- Wickelungsgang unterbrochen, es müssen die neuen Elemente erst mühsam und allmälig assimilirt werden. Die Gemeinden der großen

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