Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 4 (1866)
- Issue
- 2 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 93 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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I. Zur gegenwärtigen Lage. 93 dessen, wozu er sich verpflichtet hielt, auf, wahrte er auch die darauf gegründeten Ansprüche, so zog er sich doch damit mehr in die Stille seiner Häuslichkeit, in seinen engeren Kreis zurück und er mied den öffentlichen Markt und die Ostentation. Diese Scheu ist nunmehr geschwunden; die errungene Gleichstellung hat Besorgnisse verscheucht, man tritt mit einem größern Trotze auf, will es recht klar an den Tag legen, man sei ungeachtet all jener fremdartigen Merkmale zum vollen Leben in der heimischen Gegenwart berechtigt. Daher tritt man im Kreise jener ReaeLion mit größerer Sicherheit, kecker Selbstgefälligkeit, mit aggressiver Lust aus; man will von sich reden machen, man will mit seiner selbstständigen Eigenthümlichkeit prunken. Man thut stolz mit der auszeichnenden Vermummung, trägt die Bedienten - Livree der Geistesknechtschaft als Prachtgewand hoher Würde. So etwas hat für beschränkte Menschen immer etwas Blendendes, Anziehendes; es kitzelt, in seiner gewöhnlichen Alltäglichkeit einen Vorzug zu erblicken, in seiner absondernden Aeußerlichkeit etwas Besonderes zu sein. Auch von Außen her ist die Luft günstig. Die ernste Wachsamkeit der Reformbestrebungen innerhalb des Judenthums hat nachgelassen, wir haben nicht mehr um ihre Anerkennung zu ringen, nicht mehr dem Staate jeden Vorwand berechtigter Zurücksetzung zu benehmen. Die eifrige Führung des Kampfs gegen den Stillstand oder gar den Rückschritt ist erschlafft; man sucht ihn nicht mehr aus seinen Positionen zu verdrängen, duldet ruhig, daß er sich neu festsetze. Man fühlt sich nicht mehr bedroht und will daher friedliche Ruhe, läßt gewähren und beachtet kaum, daß man damit sich selbst den Boden entzieht und der gegnerischen Richtung nicht blos den innehabenden Raum frei läßt, sondern ihn auch erweitert. Das geistige Leben aber kann, wenn es frisch ist, bei aller Anerkennung der persönlichen Freiheit Gegenbestrebungen nicht still dulden; eine in sich zusammenhängende Gemeinschaft muß die in ihr herrschende Gesinnung zum geltenden Ausdrucke bringen, wenn sie auch Abweichungen nicht unterdrückt. Damit, daß sie in Sicherheit der Herrschaft eingewiegt, die Hände in den Schooß legt und gegen sich geschäftig agitiren läßt, wird weder ein Zeugniß für ihre Geltung abgelegt noch verlangen dies die Ansprüche freier Meinungsäußerung. Allein diese Schlaffheit ist in der fortschreitenden Richtung nun einmal vor- Händen; wir haben den Jndifferentismus, diese Schlingpflanze, welche sich an die freie Bewegung anhängt, bereits kennen gelernt.