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Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1866-01-01 · 2 (1866) · p. Seite 92

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Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
4 (1866)
Issue
2 (1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 92 (sequence 12)
Language
German
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92 I. Zur gegenwärtigen Lage. schwärmerei an der Revolution, raffen in unfern Tagen katholischer Ultramontanismus und protestantische verknöcherte Orthodoxie alle Macht zur Vertheidigung selbst solcher Ansprüche und Be- Hauptungen zusammen, die man als längst überwunden und verscharrt betrachtete. So nun ist auch im Judenthume, wenigstens in einem Bruchtheile seiner Bekenner, ein neuer Eifer für Erhaltung abgestorbener Aeußerlichkeiten, eine Satzungstreue, eine Ceremonienknechtschaft erwacht, welche die alte naive Orthodoxie weit überbietet, Veraltetes und im Hinscheiden Begriffenes erweckt und mit Ostentation als Panier vor sich herträgt. Die eifervolle, künstlich aufgestachelte Neu-Orthodoxie ist ein Product der Geschichte, eine in der Natur liegende Reaction gegen die neuen geistigen Mächte, denen sie nimmer zu widerstehen vermag, aber um so energischer und bewußter ihnen entgegenzutreten sich angetrieben fühlt. Ihr krampfhaftes Festhalten am Veralteten, ihre Belebungsversuche des Erstorbenen, das die frühere treuherzige Orthodoxie ruhig seinem natürlichen Verlaufe überließ, sind uns ein sicheres Symptom, daß wir es bei ihr nicht mit einer Entwickelungsphase, sondern mit einer Krankheitserscheinung zu thun haben. Wenn wir so die geschichtliche Nothwendigkeit begreifen von dem Auftreten einer rückläufigen Bewegung in einem Theile der gegenwärtigen Juden, namentlich der jüdischen Theologen, so kann uns deren Vorhandensein in unserer ״aufgeklärten Zeit" ebensowenig befremden wie die analogen Erscheinungen auf dem kirchlich-christlichen und dem politischen Gebiete. Im Gegentheile wird es uns überraschen, daß diese Reaction so machtlos, so vereinzelt auftritt. Denn dieser Richtung stehen gegenwärtig viele Momente zur Seite, welche ihr ungehindertes Auftreten und ihre Ausdehnung begünstigen, und man müßte auf weit größere Erfolge gefaßt sein, als sie wirklich aufweisen kann. Früher fühlten nämlich die Juden, daß sie Dinge meiden mußten, welche einen ungünstigen Eindruck bei ihren Mitbürgern zu machen, den Schein geringerer Bildung, weniger engen Anschlusses an das Vaterland auf sie zu werfen geeignet waren, und der eifrigste Anhänger der starrsten Stabilität trug Scheu, offenen Nachdruck auf derartige Dinge zu legen, er fürchtete einen ״Chillul Ha-Schem", Entweihung des göttlichen Namens, d. h. die Mißachtung, in welche seine Religion bei Andern kommen konnte, und die nach- Heiligen Folgen, welche daran für die ganze Stellung der Juden sich knüpfen konnten. Gab er auch nicht geradezu die Uebung

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